Evertons Pressing ist ein Ablenkungsmanöver, keine Lösung
Everton setzt unter Sean Dyche auf aggressives Pressing – doch das ist kein Zeichen taktischer Courage, sondern der verzweifelte Versuch, einen Kader ohne Kreativität zu kaschieren. Die Statistiken belegen das seit Jahren, doch die Erzählung hält sich hartnäckig: Kampf, Leidenschaft und ein gepflegtes, altmodisches Pressing. Diese postindustrielle Romantik lässt die Gwladys Street träumen, während die strukturelle Krankheit des Klubs weiter schwärt.
Die Zahlen hinter der Fassade
Evertons Pressingauslöser pro 90 Minuten gehören zu den fünf höchsten der Premier League, doch die erwarteten Tore (xG) liegen in den unteren fünf. Das ist kein Zufall, sondern die Korrelation eines Systems, das Störung über Aufbau priorisiert. In der Saison 2023/24 generierten sie durchschnittlich 12 Torabschlüsse aus Pressingaktionen, kassierten aber auch 15 Gegentore durch Konter – eine direkte Folge, wenn man ohne Ball mit zu vielen Spielern nach vorne presst.
Auch unter Sean Dyche setzt sich das Muster fort: Gegen aggressive Teams wie Brighton oder Aston Villa wird Evertons Pressing zum Eigentor. Sie erobern den Ball hoch, aber es fehlt die technische Sicherheit, um daraus Kapital zu schlagen. Im Saisonauftakt 2024/25 pressten sie Bournemouth 25 Mal, konnten aber aus diesen Balleroberungen keinen einzigen Torschuss verzeichnen. Eine Zahlengeschichte, die sich ständig wiederholt – und die Erzählung bleibt unverändert.
Das strukturelle Leiden: Ein Mittelfeld-Vakuum und fehlende Muster
Die Ursache liegt in einem Mittelfeld, das entweder zu defensiv (Dwight McNeil als Achter?) oder zu unstrukturiert ist, um kohärente Angriffe aufzubauen. Wer presst, um den Ball zu gewinnen, braucht einen Spielmacher, der unter Druck den richtigen Pass spielt. Evertons bester Vorlagengeber, Abdoulaye Doucouré, ist eher Rammbock als Taktgeber. Der Klub verkaufte Alex Iwobi und schaffte es nicht, seine Spielverlagerung zu ersetzen. Die Transferpolitik war planlos, ohne eine kohärente Strategie.
Man betrachte das Erfolgsrezept von Mittelfeldteams in der modernen Ära: Brighton unter Roberto De Zerbi, Brentford unter Thomas Frank oder Aston Villas Sprung unter Unai Emery. Jeder hat eine klare Identität, die Pressing mit kontrolliertem Ballbesitz ausbalanciert. Everton jedoch steckt in einer dysfunktionalen Grauzone fest: hoch pressen, weil es sicher erscheint – aber sicher bedeutet vorhersehbar, und vorhersehbar bedeutet Abstiegskandidat.
- Evertons Pressing-Statistiken werden durch Spiele gegen schwächere Gegner aufgebläht und verschleiern das Versagen gegen die Elite der Liga.
- Die Transferoffensive 2024/25: 3 defensive Mittelfeldspieler, 0 offensive Mittelfeldspieler – eine klare Fehleinschätzung.
- Sie belegen Platz 17 bei progressiven Pässen und den letzten Platz bei Steilpässen pro 90 Minuten – ein Mangel an Vertikalität, der nicht zum Pressing passt.
Verteidigung des Pressings: Ein Plädoyer für die romantische Sicht
Manche argumentieren, Pressing sei der einzige Weg, mit begrenzten Mitteln zu überleben – ein taktischer Ausgleich. Dyches Anhänger verweisen auf den erfolgreichen Klassenerhalt 2023/24, als man Liverpool, Chelsea und Newcastle mit einem leidenschaftlichen Pressing besiegte. Sie behaupten, es vereine die Fangemeinde und erzeuge ein Wir-gegen-den-Rest-der-Welt-Gefühl, auf das Dan Burn in Newcastle schwört. Das ist romantisch, aber auch irreführend.
Der Nutzen des Pressings ist kurzfristig und emotional. Es kann eine 38-Spiele-Saison nicht tragen, besonders wenn drei Spiele pro Woche anstehen. Die Daten zeigen, dass Evertons Pressingintensität nach 60 Minuten um 15% abfällt, was zu Einbrüchen führt. Die erwarteten Gegentore aus dem Spiel heraus liegen ebenfalls in den unteren fünf – das macht das Pressing sinnlos. Es ist wie ein Boxer, der mit der linken Hand eine Glaslippe verdeckt – es funktioniert, bis der Gegner die Kinnhaken landet.
Das Urteil: Das Pressing wird sie in die zweite Liga führen
Everton wird in dieser Saison 17. – es sei denn, sie ändern ihren taktischen Ansatz radikal. Das Pressing wird ihnen zwei oder drei große Spiele bescheren, aber ein Dutzend zäher Partien verlieren. Bis Januar werden sie ihren besten Pressingstürmer an Chelsea verkauft haben (Delap für 40 Mio. Pfund, und mit Netos Abschied geht es noch schneller), und die letzten Reste an Kreativität werden den Klub verlassen. Der Vorstand muss in einen Zehner investieren, der das Pressing in ein Muster verwandelt, aber sie werden es nicht tun – sie werden weiter auf den eigenen Nachwuchs setzen und absteigen. Glaubt mir: Am Ende der Saison 2024/25 wird Sean Dyches Zukunft infrage gestellt, und das Pressing wird endgültig ins Reich des Mythos verbannt.
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