Die Doppelbestrafungs-Regel ist eine Lizenz für zynische Verteidigung

In der 78. Minute im Gtech Community Stadium am Samstag riss Yehor Yarmoliuk einen Stürmer des FC Liverpool zu Boden, als dieser frei aufs Tor zulief. Schiedsrichter Simon Hooper pfiff Elfmeter und zückte die Gelbe Karte. Der Mittelfeldspieler von Brentford blieb auf dem Platz. Zwanzig Minuten zuvor war Jeremy Jacquet „schlau und clever“ gewesen – so die Worte von Keith Andrews –, um Yarmoliuk mit einer zweiten Gelben Karte vom Platz zu bringen. Die Ironie ist köstlich: Derselbe Spieler, der von Milde profitierte, flog später selbst. Doch die tiefere Wahrheit ist, dass die Doppelbestrafungs-Regel, statt Verteidiger zu schützen, nun genau die Rücksichtslosigkeit belohnt, die sie eigentlich verhindern sollte.

Das ist kein Nischen-Ärgernis. Es ist ein struktureller Fehler im Disziplinarreglement der Premier League, der Woche für Woche Spiele verzerrt. Die Regel, eingeführt, um zu verhindern, dass ein Spieler für dasselbe Vergehen zweimal bestraft wird (Elfmeter und Rote Karte), ist zu einem Schutzschild für Zyniker geworden. Sie erlaubt Verteidigern, im Strafraum professionelle Fouls straffrei zu begehen – in dem sicheren Wissen, dass das schlimmste Ergebnis ein Elfmeter und eine Gelbe Karte ist. Das Ergebnis ist eine Liga, in der das Vereiteln einer klaren Torchance oft vorteilhafter ist als ein Gegentor.

Wie es dazu kam: ein gut gemeintes Gesetz, das schiefging

Als die Doppelbestrafungs-Regel 2016 verschärft wurde, war die Begründung stichhaltig. Elfmeter und Rote Karte erschienen übertrieben für ein versehentliches Beinstellen oder einen echten Versuch, den Ball zu spielen. Die Regel wurde geändert, damit Schiedsrichter nur Gelb zeigen, wenn ein Foul im Strafraum ein echter Versuch war, den Ball zu spielen, und eine offensichtliche Torchance vereitelte. Die Absicht war, Spiele nicht durch frühe Rote Karten zu ruinieren und Verteidiger zu belohnen, die ehrlich verteidigen wollten. Doch die Regel beruht auf einer subjektiven Einschätzung des „echten Versuchs“, die unmöglich konsistent anzuwenden ist.

Der Yarmoliuk-Vorfall ist ein Paradebeispiel. Der Brentford-Mittelfeldspieler machte keinerlei Anstalt, den Ball zu spielen; er tackelte seinen Gegner schlicht wie im Rugby. Doch weil das Foul im Strafraum geschah, war der Schiedsrichter verpflichtet, das Doppelbestrafungs-Prinzip zu berücksichtigen. Am Ende erhielt Yarmoliuk eine zweite Gelbe – keine glatte Rote –, und Brentford beendete das Spiel nach Janelts späterer Hinausstellung mit neun Mann. Aber die Tatsache, dass das erste Foul keine glatte Rote war, ist genau das Problem. Ein Foul, das eine Torchance auf zynische Weise vereitelt, sollte eine Rote Karte sein, egal wo es passiert. Die Doppelbestrafungs-Regel verwischt diese Grenze.

Vergleichen Sie das mit der Behandlung von Sven Botman im St James' Park am selben Wochenende. Der Verteidiger von Newcastle entkam einer Roten Karte für einen Zweikampf, den viele als klare Vereitelung einer Torchance sahen. Die Inkonsistenz ist nicht Schuld der Schiedsrichter; sie ist Schuld einer Regel, die von ihnen verlangt, in Echtzeit unmögliche Unterscheidungen zwischen „echten“ und „zynischen“ Versuchen zu treffen.

Das Plädoyer für die Abschaffung

Die Doppelbestrafungs-Regel sollte für die Vereitelung von Torchancen im Strafraum abgeschafft werden. Der aktuelle Rahmen begünstigt Folgendes:

  • Zynische Fouls: Verteidiger wissen, dass ein Elfmeter und eine Gelbe Karte oft das bessere Ergebnis sind, als einem Stürmer einen klaren Torschuss zu erlauben. Der erwartete Torwert eines Elfmeters liegt bei etwa 0,78, doch der erwartete Torwert eines Eins-gegen-eins kann höher sein. Die Regel belohnt also das Foul.
  • Inkonsistente Anwendung: Schiedsrichter müssen Absicht beurteilen, was subjektiv ist und zu wild unterschiedlichen Ergebnissen bei ähnlichen Vergehen führt. Die Botman- und Yarmoliuk-Vorfälle am selben Wochenende zeigen das.
  • Spielmanipulation: Ein Verteidiger, der bereits Gelb hat, kann im Strafraum ein zynisches Foul begehen, wohl wissend, dass das Doppelbestrafungs-Prinzip ihn wahrscheinlich vor einer zweiten Gelben bewahrt. Das ist eine Lücke, die Trainer aktiv ausnutzen.

Die Alternative ist einfach: Wenn ein Spieler eine offensichtliche Torchance durch ein Foul vereitelt, das kein echter Versuch ist, den Ball zu spielen, sollte es eine Rote Karte geben – ob im Strafraum oder außerhalb. Der Elfmeter ist die Strafe für das Foul; die Rote Karte ist die Strafe für die Vereitelung. Es sind getrennte Vergehen. Die Doppelbestrafungs-Regel vermischt sie und schützt dadurch die Schuldigen.

Das Gegenargument: Schutz des Spektakels

Das stärkste Argument für den Erhalt der Regel ist, dass frühe Rote Karten Spiele als Spektakel ruinieren. Eine Mannschaft, die nach zwanzig Minuten in Unterzahl ist, führt oft zu einem einseitigen Spiel und mindert den Unterhaltungswert für neutrale und zahlende Fans. Die Regel wurde teilweise eingeführt, um das zu verhindern. Doch dieses Argument ist ein Ablenkungsmanöver. Die Regel gilt nur für Fouls im Strafraum, die per Definition dann geschehen, wenn eine Torchance unmittelbar bevorsteht. Eine Rote Karte unter solchen Umständen ruiniert nicht das Spiel; sie bestraft einen Spieler, der bewusst die Regeln gebrochen hat, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Das Spektakel wird nicht durch korrekte Bestrafung gemindert; es wird durch Inkonsistenz und Zynismus gemindert.

Darüber hinaus hat die Regel frühe Rote Karten nicht abgeschafft. Sie hat lediglich den Anreiz verschoben. Spieler begehen nun subtilere Fouls, wohl wissend, dass das Doppelbestrafungs-Prinzip sie schützt. Das Ergebnis ist eine Liga, in der Verteidigen zunehmend aus Stören statt aus Können besteht. Das schöne Spiel wird zum Spiel der professionellen Fouls, und die Doppelbestrafungs-Regel ist der Ermöglicher.

Fazit: Jetzt abschaffen

Die Premier League sollte beim IFAB dafür lobbyieren, die Doppelbestrafungs-Regel für die Vereitelung von Torchancen abzuschaffen. Die Beweise sind eindeutig: Die Regel fördert zynische Verteidigung, schafft Inkonsistenz und schützt die Schuldigen. Die jüngsten Vorfälle um Yarmoliuk, Botman und Jacquet sind keine Anomalien; sie sind das logische Ergebnis einer fehlerhaften Regel.

Prognose: Innerhalb von zwei Saisons wird das IFAB die Regel überarbeiten, um den Doppelbestrafungs-Schutz für nicht echte Versuche, den Ball zu spielen, zu entfernen. Die Premier League wird einen Anstieg der Roten Karten für die Vereitelung von Torchancen im Strafraum erleben, und innerhalb von fünf Jahren wird das zynische Foul im Strafraum so selten sein wie der Rückpass. Das Spiel wird davon profitieren.

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