VAR im Derby: Nicht der Schiri, das Regelwerk ist das Problem
Die Empörung über den Treffer von Erling Haaland im Old Trafford geht am Kern vorbei. Der VAR befolgte den Buchstaben des Gesetzes – das Gesetz selbst ist der Skandal.
Die Abseitsregel ist zur Falle für die Unparteiischen geworden
Abseits war einst eine einfache Regel: Wer vor dem letzten Verteidiger steht, darf keinen Vorteil daraus ziehen. Heute ist daraus ein forensisches Puzzle geworden – mit Begriffen wie „Eingriff ins Spiel“, „Beeinflussung eines Gegenspielers“ und „Vorteilsgewinnung“. Enzo Fernandez stand im Abseits, berührte den Ball aber nicht. Hat er jemanden behindert? Den Torwart irritiert? Die Professional Game Match Officials Limited (PGMOL) räumte später ein, dass das Tor hätte aberkannt werden müssen. Doch dieses Eingeständnis offenbart keinen VAR-Fehler, sondern eine grundlegende Unschärfe im Regelwerk.
Erinnern wir uns an das Champions-League-Finale 2019, als Tottenhams Moussa Sissoko für ein Handspiel bestraft wurde, obwohl der Ball von seiner Brust abprallte. Die Regel war klar – Arm in unnatürlicher Position –, doch das Ergebnis fühlte sich absurd an. Seitdem ist Abseits das neue Handspiel geworden: eine Spitzfindigkeit, die Verteidiger und Angreifer gleichermaßen für Dinge bestraft, die ohne 20-Kamera-Setup niemand sehen kann. Die Premier League verzeichnet seit 2021 einen Anstieg der Abseits-Eingriffe um 23 Prozent, doch das öffentliche Vertrauen in den VAR ist laut einer YouGov-Umfrage von 2024 auf 38 Prozent gefallen. Das Problem ist nicht die Technik, sondern das Regelwerk, das sie durchsetzt.
Der Derby-Vorfall war ein Auslegungsfehler, kein Technikversagen
Bleiben wir präzise. In der 60. Minute im Old Trafford traf Haaland. Der Assistent hob die Fahne. Der VAR überprüfte. Enzo Fernandez stand im Abseits, berührte den Ball aber nicht. Der VAR urteilte nach den Richtlinien des International Football Association Board (IFAB), dass Fernandez nicht ins Spiel eingriff. Die PGMOL erklärte später, das Tor hätte aberkannt werden müssen, weil Fernandez' Präsenz die Abwehr von Manchester United beeinflusst habe.
Der Widerspruch ist eklatant. Dieselben Regeln, die ein Tor zulassen, wenn ein Abseitsstehender regungslos verharrt, erlauben auch ein Tor, wenn dessen Schatten auf die Sichtlinie des Torwarts fällt. Die Regel ist keine Wissenschaft, sondern eine Reihe von Ermessensentscheidungen, über die sich nicht einmal die Experten einig sind. Gary Neville nannte es einen „Schock“, doch seine Empörung sollte sich gegen die Regel richten, nicht gegen die Offiziellen. Der VAR gab das Tor, weil die Regel in ihrer geschriebenen Form es zuließ. Die Entschuldigung der PGMOL ist das Eingeständnis, dass die Regel ihren Zweck verfehlt.
Warum das kein VAR-Problem ist
Die Schiedsrichterkrise in der Premier League hat nichts mit Technologie zu tun. Sie hat mit den Regeln zu tun, die die Technologie durchsetzen muss. Drei Gründe:
- Abseits ist nicht mehr binär. Die Einführung der „Beeinflussung eines Gegenspielers“ im Jahr 2016 verwandelte eine einfache Regel in einen subjektiven Sumpf. Der VAR kann Subjektivität nicht beheben – er verstärkt sie nur.
- Die öffentlichen Entschuldigungen der PGMOL sind bedeutungslos. Seit 2020 hat die PGMOL über 20 Entschuldigungen für VAR-Fehler ausgesprochen. Jede Entschuldigung untergräbt das Vertrauen, ohne die zugrunde liegende Regel zu ändern. Entschuldigungen sind keine Reform.
- Andere Ligen haben sich angepasst. Die niederländische Eredivisie verwendet eine vereinfachte Abseitsauslegung, die den Geist der Regel in den Vordergrund stellt. Die Premier League klammert sich an ein 100-Seiten-Regelwerk, das selbst Schiedsrichter als undurchführbar bezeichnen.
Der Derby-Vorfall ist kein Ausreißer. Er ist das logische Ergebnis eines Systems, das technische Präzision über gesunden Menschenverstand stellt. Die Premier League hat einen Schiedsrichter-Notstand – aber keinen VAR-Notstand. Es ist ein Regeln-Notstand.
Das Gegenargument: Klare und offensichtliche Fehler sind selten
Das stärkste Gegenargument lautet: Der VAR funktioniert. Der Derby-Fehler war ein Einzelfall, und die Entschuldigung der PGMOL beweist, dass das System sich selbst korrigiert. Klare und offensichtliche Fehler sind selten, und die Technologie trifft mehr richtige als falsche Entscheidungen.
Das verfehlt den Punkt. Der Zweck des VAR ist nicht, alle Fehler zu beseitigen, sondern klare und offensichtliche. Doch wenn die Regel selbst unklar ist, wird „klar und offensichtlich“ zur Ansichtssache. Der Derby-Vorfall war kein klarer Fehler, sondern eine diskutable Auslegung. Die Entschuldigung der PGMOL war keine Korrektur, sondern eine Kapitulation vor dem öffentlichen Druck. Der eigentliche Fehler ist, dass die Premier League ein System geschaffen hat, in dem Schiedsrichter Urteile fällen müssen, über die niemand sich einig ist. Die Lösung ist nicht mehr VAR, sondern einfachere Regeln.
Fazit: Die Premier League wird die Abseitsregel innerhalb von zwei Jahren ändern
Diese Kolumne prognostiziert, dass die Premier League zur Saison 2026/27 eine vereinfachte Abseitsregel einführen wird, die die Klausel der „Beeinflussung des Spiels“ streicht. Der Wandel wird durch eine Kombination aus anhaltenden VAR-Kontroversen, sinkender Schiedsrichter-Moral und Druck der Vereine erzwungen, die durch zweifelhafte Entscheidungen Punkte verloren haben. Der Derby-Vorfall wird als Wendepunkt angeführt werden.
Sollte die Premier League nicht handeln, sind die Folgen absehbar: mehr Entschuldigungen, mehr Empörung und eine weitere Erosion des Vertrauens in die Führung des Spiels. Die Regeln sind kaputt. Der VAR ist nur der Bote. Die Premier League muss das Gesetz neu schreiben – oder akzeptieren, dass sie ein System geschaffen hat, in dem niemand – weder Schiedsrichter, noch Spieler, noch Fans – sich darauf einigen kann, was richtig ist.
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