Nottingham Forests Chaos ist eine Lüge.
Man sieht fünf Minuten zu und glaubt, eine Mannschaft in permanenter Krise zu sehen: Abwehrspieler, die im Angriff feststecken, Mittelfeldspieler, die Schatten jagen, und Morgan Gibbs-White, der in Sackgassen dribbelt. Das ist keine Inkompetenz, sondern eine bewusste Philosophie – eine, die Chaos zur Waffe macht und den Klassenerhalt zur Wissenschaft erhebt.
Der historische Spiegel: Claudio Ranieris Leicester
Als Leicester 2016 die Meisterschaft gewann, pressten sie nicht hoch und dominierten nicht den Ballbesitz. Sie luden den Gegner ein, saugten den Druck auf und schlugen im Konter zu. Forest unter Nuno treibt diese Idee auf die Spitze. Während Leicesters Defensivverbund kompakt war, ist Forests Formation elastisch – sie wird bis zum Zerreißen gedehnt und schnappt dann zurück. Ihre durchschnittliche Abwehrlinie liegt bei 44,3 Metern, die dritt-tiefste der Liga, dennoch belegen sie Rang sechs bei Sprints in die gegnerische Hälfte. Das ist kein tiefes Bollwerk, sondern eine Steinschleuder.
Daten der ersten 18 Spieltage zeigen: Forest lässt im Schnitt 16,7 Schüsse pro Spiel zu – der zweithöchste Wert –, kreiert aber auch 2,1 große Chancen pro Partie, ein Top-Sechs-Wert. Der Trade-off ist klar: Solide Defensive und explosive Offensive gleichzeitig sind unmöglich. Nuno hat sich für Letzteres entschieden.
Das System: Kontrolliertes Durcheinander
Forests scheinbare Unordnung folgt drei Prinzipien:
- Nur reaktives Pressing: Sie pressen nicht systematisch, sondern warten auf bestimmte Auslöser – eine schlechte Ballannahme, einen Rückpass, einen Flügelspieler, der mit dem Rücken zum Tor den Ball erhält – und schwärmen dann mit drei oder vier Spielern aus. Das erklärt die chaotischen Umschaltmomente: Wenn das Pressing fehlschlägt, entstehen Lücken.
- Außenverteidiger als zweite Stürmer: Ola Aina und Neco Williams haben den Auftrag, bei jeder Gelegenheit zu überlappen – auf Kosten der Absicherung. Forest hat elf Gegentore kassiert, die direkt auf überlaufene Außenverteidiger zurückgehen – Ligahöchstwert. Gleichzeitig erzielten sie neun Tore aus eben jenen Überlappungen.
- Der Gibbs-White-Freiraum: Morgan Gibbs-White bekommt völlige Positionsfreiheit und lässt sich oft bis zwischen die Innenverteidiger fallen, um den Ball zu holen. Das zieht die Gegner aus der Ordnung und schafft Räume für Taiwo Awoniyi. Die Kehrseite: Forest ist im Mittelfeld oft zahlenmäßig unterlegen – sie haben die wenigsten Mittelfeldpässe pro Spiel der Liga (97,4) –, aber das ist ihnen egal. Sie umgehen das Zentrum.
Das Gegenargument: Es ist einfach schlechtes Coaching
Kritiker werden auf Forests xG gegen (38,9, der viertschlechteste Wert) und die 1,8 Gegentore pro Spiel verweisen – Belege für eine Mannschaft, die nicht verteidigen kann. Sie werden anmerken, dass Nunos vorherige Amtszeit bei Tottenham scheiterte, weil sein Spurs-Team Spiele nicht kontrollieren konnte. Sie haben zum Teil recht. Forests Ansatz ist hochriskant und über 38 Spiele nur schwer durchzuhalten. Aber was ist die Alternative? Eine Mittelfeldmannschaft mit begrenztem Budget kann keinen progressiven Ballbesitzfußball spielen – ihnen fehlt die technische Qualität. Forests Kader belegt in der Liga Rang 16 bei der Passquote im letzten Drittel (73,1 %). Würden sie versuchen, Spiele zu kontrollieren, würden sie auseinandergenommen. Besser, man umarmt das Chaos, als dass man sich beim Versuch, es zu zähmen, blamiert.
Und Forests Methode hat ein klares Ziel: den Klassenerhalt. Seit Nunos Amtszeit holen sie 1,4 Punkte pro Spiel – eine Quote, die für den Klassenerhalt reicht. Sie haben Aston Villa besiegt, gegen Arsenal unentschieden gespielt und Liverpool in die Enge getrieben. Der Trade-off funktioniert bei engen Spielständen. Er scheitert, wenn sie in Rückstand geraten – ihre Siegquote bei Rückstand beträgt 11 % –, aber das nehmen sie in Kauf.
Fazit: Forest wird überleben – knapp –, aber in der dritten Saison kollabieren
Nottingham Forests chaotisches System wird ihnen diese Saison den Klassenerhalt sichern (16. Platz, 36 Punkte). Doch das Modell hat ein Verfallsdatum. In der Saison 2025/26 werden die Gegner angepasst haben: Sie werden Forests Außenverteidiger frühzeitig unter Druck setzen und Gibbs-White doppeln. Dann zerbricht die Steinschleuder. Nuno wird Weihnachten 2025 entlassen sein, und Forest braucht einen kompletten Neuaufbau. Für jetzt: Genießt die Anarchie. Sie ist intelligenter, als sie aussieht.
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