Der Profifußball übergibt die Macht an die Anwälte

Wer dachte, die Handballregel sei schon ein Chaos, sollte sich anschnallen. Die neueste Auslegung der Premier League – verkündet in einer knappen Mitteilung aus Stockley Park – ist keine Lösung. Es ist ein Eingeständnis der Niederlage, getarnt als Klarstellung. Und sie wird alles schlimmer machen.

Die neue Regel: Was sich ändert und warum sie schon kaputt ist

Der Zusatz besagt, dass ein unfreiwilliges Handspiel nach einer abgefälschten Ballberührung eines Mitspielers im Strafraum nicht mehr bestraft wird. Der Schiedsrichter entscheidet nun nach eigenem Ermessen über die Absicht – kein binäres Gesetz mehr. Das katapultiert uns zurück ins Chaos vor 2019, als jede Grenzentscheidung Wutausbrüche auslöste. Die Logik? Spieler und Trainer forderten Konsistenz. Doch die neue Regel gibt den Unparteiischen eine subjektive Granate in die Hand.

Blick auf die Zahlen: Am ersten Spieltag der letzten Saison gab es sechs Handball-VAR-Überprüfungen. Unter der alten strikten Haftung führten drei zu Strafstößen. Unter dem neuen „gesunden Menschenverstand“ müsste der Schiri bei allen sechs interpretieren, ob die Bewegung „absichtlich“ oder „unnatürlich“ war. Sechs Zündstoff-Momente an einem Wochenende. Der Durchschnitt: 4,2 Handball-Vorfälle pro Spieltag, die eine Überprüfung auslösen könnten. Hochgerechnet auf 38 Spieltage – die Zahlen lügen nicht.

Das eigentliche Problem der PGMOL ist nicht das Gesetz – es ist die Angst

Die Professional Game Match Officials Limited hat sich zwei Jahre lang hinter dem Buchstaben des Gesetzes versteckt, um Kritik zu vermeiden. Jetzt haben sie einen Schild gegen einen anderen getauscht. Die neue Regel sagt: „Wir vertrauen dir, Schiri, entscheide.“ Aber dieselben Schiedsrichter, die letzte Monat offensichtliche Fouls im Strafraum übersehen haben? Dieselben VAR-Offiziellen, die Abseitslinien zogen, die der Geometrie trotzten? Vertrauen muss man sich verdienen, nicht verleihen.

  • Im September 2023 gab Michael Oliver einen Handelfmeter gegen Arsenal, weil Kai Havertz der Ball an die Schulter sprang. Nach der neuen Regel ist das subjektiv. Oliver müsste eine „Absicht“ nachweisen. Kann er nicht.
  • Im November winkte Stuart Attwell eine Handelfmeter-Forderung für Manchester United ab, als Bruno Fernandes der Ball in unnatürlicher Haltung an den Arm prallte. Begründung: „nicht klar und eindeutig“. Nach der neuen Regel wird es zum Glücksspiel.
  • Im Januar sprang ein Einwurf im Strafraum auf und traf Lewis Dunk am Arm. Kein Strafstoß. Die neue Regel ließe das unverändert, aber nur knapp. Der Spielraum für Fehler ist hauchdünn.

Das Gesetz hat die Kontroversen nicht beseitigt. Es hat sie vom Regelbuch zur Willkür des Schiris verlagert.

Das Gegenargument: Das haben wir doch gefordert

Klubs und Experten schrien nach „gesundem Menschenverstand“ nach der Flut von Strafstößen für Bälle, die von Achselhöhlen abprallten. Die neue Regel ist eine direkte Antwort auf diesen Lärm. Aber gesunder Menschenverstand bedeutet in der Praxis, dass der Schiri entscheidet, was natürlich ist. Ist Springen mit leicht erhobenen Armen unnatürlich? Ist das Schützen des Gesichts mit der Hand unnatürlich bei einem Gewühl im Strafraum? Das aktuelle Regelbuch sagt ja. Das Bauchgefühl des Schiris sagt vielleicht. In dieser Lücke gedeiht das Chaos.

Daten aus den ersten zwölf Spieltagen der letzten Saison zeigen 19 verhängte Handelfmeter. Unter der alten Auslegung war diese Zahl relativ stabil. Unter dem neuen subjektiven Regime ist mit einem Rückgang um 30% zu rechnen – aber einem Anstieg der Proteste um 50%. Die interne Überprüfung der Premier League, die an The Athletic durchgestochen wurde, räumt ein, dass „die Schwelle für ein Eingreifen für die Schiedsrichter unklar bleibt“. Sogar die PGMOL glaubt nicht an ihre eigenen Richtlinien.

Fazit: Bis Saisonende wird die Regel erneut überarbeitet

Ich wage eine konkrete Prognose: Vor den Weihnachtsspielen 2025 wird die Premier League gezwungen sein, eine „Klarstellung der Klarstellung“ herauszugeben, nachdem eine hochkarätige Handballentscheidung einem Top-Sechs-Klub drei Punkte gekostet hat. Der wahrscheinlichste Kandidat: Eine abgefälschte Flanke trifft nach einem verunglückten Klärungsversuch eines Mitspielers die Hand eines Verteidigers, der Schiri lässt weiterspielen, und der gescholtene Trainer produziert ein Video des identischen Vorfalls drei Spieltage zuvor. Dann beginnt der Kreislauf von neuem.

Die Premier League hat das Handball-Problem nicht gelöst. Sie hat es nur aufgeschoben. Und die nächste Krise ist bereits terminiert.

Eingeordnet unter: Meinung | LA Premier League Startseite