Evertons echter 100-Millionen-Spieler – über den niemand spricht
In einem Transferfenster, in dem Manchester United bereit ist, 102 Millionen für Felix Nmecha auszugeben und Arsenal über 120 Millionen für Enzo Fernandez nachdenkt, kostete der wichtigste Spieler im Goodison Park gerade einmal 17 Millionen – und taucht in der Mainstream-Berichterstattung kaum auf. Vitaliy Mykolenko ist nicht blitzschnell, nicht Englisch, kein Social-Media-Star. Er ist jedoch der leise dominanteste Linksverteidiger der Premier League – ein Spieler, dessen Konstanz zum Fundament von Sean Dyches Überlebensmaschine wurde.
Die Zahlen hinter dem stillen Helden
Mykolenkos Statistiken in dieser Saison erzählen eine Geschichte, die der Highlight-Film ignoriert. Er belegt Rang drei in der Liga bei den Tacklings pro Spiel (4,2), Platz eins bei den Balleroberungen unter Außenverteidigern (2,8) und gewann über 70 % seiner Kopfballduelle – eine Quote, die besser ist als die vieler Innenverteidiger. Seit November steuerte er zudem drei Vorlagen und zwei Tore bei – eine Ausbeute, die ihn zu den torgefährlichsten Verteidigern der Liga zählt. Das sind nicht die Werte eines Zweck-Außenverteidigers; sie gehören zu einem Spieler, der seinen Flügel beherrscht.
Doch wenn die Experten Evertons Wiederbelebung diskutieren, gilt das Lob den Mittelfeld-Kämpfern oder dem letzten Leihspieler. Mykolenko bleibt ein Nachgedanke – ein Ukrainer, der seinen Job macht. Diese Nichtbeachtung ist nicht nur bequem – sie ist ein fataler Fehler im Verständnis des modernen Fußballs.
Der taktische Hybrid, der das Linksverteidiger-Muster sprengt
Was Mykolenko auszeichnet, ist seine Fähigkeit, innerhalb eines Spiels zwischen drei Rollen zu wechseln. Bei Dyche agiert er in der Defensivphase als klassischer Linksverteidiger und rückt in eine Dreierkette ein, wenn der Rechtsverteidiger vorrückt. Im Ballbesitz zieht er ins Mittelfeld, um einen temporären Sechser zu bilden, mit dem Everton das Pressing umgeht. Und wenn die Mannschaft einem Rückstand hinterherläuft, wird er zum zusätzlichen Flügelstürmer, der präzise Flanken von der Grundlinie schlägt.
- Gegen Arsenal im Februar: sechs Balleroberungen, 92 % Passquote und die Vorlage zum Ausgleich mit einer flachen Hereingabe.
- Bei Newcastle: gewann acht Zweikämpfe – die meisten aller Spieler – und neutralisierte Anthony Gordon so vollständig, dass er nach 60 Minuten ausgewechselt wurde.
- Gegen Aston Villa: erzielte einen 30-Meter-Schuss, der später zum Tor des Monats gewählt wurde, und klärte in der Nachspielzeit auf der Linie.
Diese Vielseitigkeit ist kein Zufall. Sie erwächst aus einem Spielverständnis, das die meisten Trainer jahrelang zu vermitteln versuchen. Mykolenko begann seine Karriere als zentraler Mittelfeldspieler bei Dynamo Kiew – ein Hintergrund, der seine Ruhe am Ball und seine Fähigkeit, Pässe durch enge Räume zu spielen, erklärt. Er ist im Grunde ein Mittelfeldspieler, der wie ein Innenverteidiger verteidigt.
„Aber er hat kaum Konkurrenz“ – das schwache Gegenargument
Der naheliegende Einwand: Everton hat keinen anderen natürlichen Linksverteidiger, Mykolenkos Einsätze seien also eher ein Produkt der Umstände als der Qualität. Dieses Argument verwechselt Kausalität mit Korrelation. Dyche hat mehrfach Formation und Personal angepasst, um Mykolenkos Stärken zu nutzen, anstatt ihn in ein starres Schema zu pressen. Als Verletzungen die Innenverteidigung trafen, rückte Mykolenko nach innen – und spielte besser als jeder Spezialist. Wäre er nur ein Platzhalter, würde der Trainer das Team nicht um ihn herum formen.
Zudem ist die Vorstellung, dass Premier-League-Verteidiger nur an den Top-Konkurrenten gemessen werden, eine bequeme Ausrede. Mykolenko hat sich in dieser Saison mit Bukayo Saka, Mohamed Salah und Jarrod Bowen gemessen. Sakas einziges Tor gegen Everton fiel per Elfmeter. Salah kam nur zu einem Torschuss. Bowens Dribbelquote fiel auf 38 %. Das sind nicht die Zahlen eines Spielers, der von schwachen Gegnern profitiert; sie sind die Marke eines Verteidigers, der sich den stärksten Herausforderungen stellt.
Warum das Schweigen um ihn schadet
Die Weigerung der Medien, Mykolenko anzuerkennen, ist kein harmloses Versehen. Sie verstärkt eine gefährliche Hierarchie im Sportjournalismus, in der bestimmte Nationalitäten, Ligen und Preisschilder Aufmerksamkeit erhalten – andere nicht. Ein 17-Millionen-Euro-Ukrainer aus der Eredivisie passt nicht in das Narrativ der marktbeherrschenden Stars. Doch dieselben Medien, die ihn ignorieren, schreiben Spalten über einen 102-Millionen-Euro-Deutschen Mittelfeldspieler mit der Hälfte seiner Defensivleistung. Der Bias ist real und verzerrt das Verständnis der Fans für Werte.
Prognose: In vier Monaten kennt jeder seinen Namen
Vitaliy Mykolenko wird über diese Saison hinaus nicht unbekannt bleiben. Bis Ende des August-Transferfensters wird mindestens ein „Big Six“-Club ein offizielles Angebot für ihn abgeben – und Everton wird es ablehnen und mindestens 40 Millionen fordern. Binnen eines Jahres wird er allgemein als der beste Linksverteidiger der Premier League außerhalb der Titelaspiranten gelten. Und in zwei Jahren, wenn er in England bleibt, wird er in einem Atemzug mit den Elitespielern der Liga genannt werden. Die einzige Frage ist, ob der Mainstream dann schon aufgeholt hat.
Verwandte Artikel
Kategorien: Meinung | LA Premier League Home