Everton überlebt nicht – es zersetzt sich

Die Husarenstücke im Goodison Park sind längst zur tragikomischen Routine verkommen, doch jedes Mal wird nur der bröckelnde Untergrund übertüncht. Sean Dyches Everton ist nicht etwa widerstandsfähig, sondern strategisch bankrott. Die Zahlen erzählen eine Geschichte, die die Tabelle nicht zeigt: eine Expected-Goals-Differenz von -18,4, die drittschlechteste Passgenauigkeit im letzten Drittel und ein Mittelfeld, das eher an ein Sieb als an eine Einheit erinnert.

Von Moyes über Martinez zu Dyche: eine Geschichte der Vernachlässigung

David Moyes baute sein Everton auf defensive Stabilität und ein Mittelfeld-Achse mit Thomas Gravesen und Lee Carsley – funktional, aber bissig. Roberto Martinez versuchte, diesen rauen Stein zu polieren, doch seine Mannschaften leckten Tore wie ein viktorianisches Dach. Nun ist Dyche zurückgefallen ins Chaos vor Moyes: keine kohärente Pressingstruktur, kein kreativer Dreh- und Angelpunkt, nur ein stumpfes Werkzeug, das auf Standards und Abnutzung setzt. Der Niedergang ist nicht zyklisch, er ist terminal.

Die Mittelfeldzahlen sind vernichtend. Everton rangiert auf Platz 18 bei den Pässen pro defensiver Aktion (PPDA) – das heißt, sie erlauben Gegnern im Schnitt 13,4 Pässe vor einem Zweikampf oder einer Interception. Nur Sheffield United ist schlechter. Zum Vergleich: Dyches Burnley-Teams lagen meist im mittleren 8er-Bereich. Die Pressingstruktur ist verdampft.

Das strukturelle Vakuum im Mittelfeld: eine Fallstudie in Fragmentierung

Evertons Mittelfeld ist eine Ansammlung nicht zusammenpassender Teile – keine Partnerschaft, keine Chemie, kein Plan. Idrissa Gueye kehrte von Paris Saint-Germain als spätkarrierer Zerstörer zurück, doch sein Passspiel beschränkt sich auf Fünf-Meter-Seitenpässe. Amadou Onana bietet Präsenz, driftet aber erschreckend oft aus dem Spiel; seine 2,1 Interceptions pro 90 Minuten sind respektabel, aber seine Positionsdisziplin ist schwach. James Garner ist ein sauberer Passgeber, ihm fehlt aber die Athletik, um Räume abzudecken, und Abdoulaye Doucouré, wenn fit, ist ein Box-Crasher, kein Metronom.

  • Gegen Brighton wurde Evertons Mittelfeld 17 Mal durch direkte Pässe in die Kanäle umgangen – ein Saisonhöchstwert für jeden Premier-League-Klub.
  • Beim 3:2 gegen Luton kamen die drei zentralen Mittelfeldspieler nur auf 63% Passgenauigkeit in der gegnerischen Hälfte.
  • In Molineux absolvierte Wolves João Gomes mehr Dribblings an Evertons Mittelfeldspielern vorbei als jedes andere Team in einem Spiel in dieser Saison.

Das Problem ist nicht das individuelle Talent, sondern ein System, das den Mittelfeldspielern keine kohärente Form gibt. Dyche nutzt ein 4-4-1-1, das in der Defensive zu zwei Viererketten verschmilzt, doch der Übergang zwischen den beiden Linien ist schwerfällig. Der Abstand zwischen Mittelfeld- und Abwehrlinie beträgt oft mehr als 15 Meter und schafft einen Tummelplatz für gegnerische Zehner. Martin Ødegaard und James Maddison haben beide Saisonhöchstwerte an Schlüsselpässen gegen Everton erzielt.

Das Gegenargument: Dyches Pragmatismus hält sie drin. Aber um welchen Preis?

Verteidiger Dyches werden auf die Punkte pro Spiel verweisen: Seit seiner Ernennung holt Everton im Schnitt 1,24 Zähler pro Partie, genug zum Klassenerhalt. Sie werden die Standardstärke anführen – James Tarkowski und Jarrad Branthwaite haben zusammen sieben Tore aus ruhenden Bällen erzielt, die zweitmeisten der Liga. Sie werden argumentieren, der Kader sei zweitligareif und der Trainer quetsche Blut aus Steinen. Das stimmt, aber es verfehlt den Punkt. Ein Trainer, der kein funktionales Mittelfeld aufbauen kann, ist ein Feuerwehrmann, kein Architekt. Die Abstiegskämpfe werden unvermeidlich, wenn die strukturelle Fäulnis ignoriert wird.

Fazit: Everton beendet 2025/26 auf Platz 16 oder tiefer, sofern Dyche das Mittelfeld nicht umbaut

Sean Dyches Vertrag läuft bis 2026. Bleibt er, wird Everton erneut mit dem Abstieg liebäugeln, wenn er nicht das gesamte Mittelfeld umkrempelt. Das kolportierte Interesse an Mandela Keita von Parma zeigt, dass man das Problem erkennt, doch Keita allein kann den systemischen Bruch nicht heilen. Erwarten Sie, dass Everton die nächste Saison nicht höher als auf Platz 16 beendet – und wenn das Mittelfeld nicht mit zwei neuen Startspielern neu aufgestellt wird, fallen sie endgültig durch die Falltür, um die sie seit drei Jahren tanzen.

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