Everton Mittelfeld: Ein Kartenhaus auf vergangenen Reputationen
Beobachtet man Everton 90 Minuten lang, könnte man ihr Mittelfeld für eine funktionale Einheit halten. Idrissa Gueye unterbricht Kombinationen, Amadou Onana zieht nach vorne, James Garner zirkuliert. Die Zahlen sind respektabel. Doch unter der Oberfläche nagt ein strukturelles Problem an jeder Facette von Sean Dyches Spielplan.
Die Illusion defensiver Stabilität
Everton erobert den Ball zurück, aber in Bereichen, die nicht relevant sind. Ihre Pressingauslöser kommen zu spät, die Eroberungen erfolgen oft tief in der eigenen Hälfte. Vergleicht man sie mit einem wahren Zerstörer wie Crystal Palace' Cheick Doucouré: Palast-Mittelfeld erobert Bälle im Schnitt zwölf Meter höher, was direkt zu Umschaltchancen führt. Evertons tiefe Ballgewinne sind Symptom, nicht Stärke.
Die Daten untermauern dies: Everton liegt in den Top fünf für Ballgewinne, aber in den unteren fünf für daraus generierte Torschüsse. Ihre Passsequenzlänge – die Anzahl Pässe vor einem Schuss – ist drittlängste der Liga. Das Mittelfeld erobert Bälle, aber es fehlt die Feinheit, daraus Angriffe zu stricken. Alles Bremse, kein Gas.
Idrissa Gueye: Die Vergangenheit ist keine Strategie
Gueye war ein großartiger Zerstörer in seiner ersten Zeit. Jetzt ist er ein Spieler, der mit 35 einen halben Schritt an Beschleunigung verloren hat. Seine Tackle-Zahl ist seit 2020 um 30% gesunken, und sein Passspiel – stets begrenzt – ist konservativ geworden. Er hat 91% Passquote, aber 88% der Pässe gehen seitwärts oder rückwärts. Ein Mittelfeldspieler, der nicht progressiv passen kann, ist in der modernen Premier League ein Handicap.
Die Konsequenzen sind weitreichend. Onana muss die Drecksarbeit machen, für die er ungeeignet ist, und rottet tiefer, um zu kompensieren. Garner, der angebliche Taktgeber, spielt Fünf-Meter-Pässe zu den Innenverteidigern, weil Gueye kein Vorwärtswinkel bietet. Ergebnis: Ein technisch versiertes, aber strategisch steriles Mittelfeld.
Drei konkrete Schwächen, die Evertons Mittelfeld zum Verhängnis werden
- Mangel an vertikalen Pässen: Evertons Mittelfeld versucht weniger als 12 Vorwärtspässe in das letzte Drittel pro 90 Minuten – Ligatiefstwert. Ohne diese wird Dominic Calvert-Lewin zum isolierten Zuschauer.
- Umschaltverwundbarkeit: Bei Ballverlust bietet das Mittelfeld keine Absicherung. Gueyes mangelnde Antrittsschnelligkeit ermöglicht schnellen Gegenspielern wie Jarrod Bowen oder Eberechi Eze, direkt auf die Viererkette zuzulaufen.
- Bewegungsarmut: Das Trio rotiert selten und zieht Gegner nicht aus der Formation. Nur Onana dribbelt, aber seine Dribbelquote beträgt magere 48%.
Das Gegenargument: Dyche weiß, was er tut
Befürworter verweisen auf Evertons Defensivstatistik: Rang 14 bei erwarteten Gegentoren ist nicht desaströs. Aber dies kaschiert einen Spielplan, der nur drei der aktuellen Top Acht beinhaltete. Gegen Brighton – ein Team, das starre Mittelfelder ausnutzt – kassierte man vier Tore in 45 Minuten. Das System funktioniert nur gegen Gegner, die seine Statik nicht bestrafen können.
Die Antwort ist einfach: Dyche hat einen Bunker gebaut, keine Festung. Das Mittelfeld ist darauf ausgelegt zu überleben, nicht zu glänzen. In einer Liga, in der selbst Burnley progressive Techniker aufbietet, ist Evertons Ansatz Jahrzehnte veraltet. Es ist das taktische Äquivalent zu einem Messer in einer Drohnen-Schlacht.
Fazit: Everton wird 15., wenn nicht im Januar ein Mittelfeld-Umbau erfolgt
Bis Februar, wenn Everton weiterhin ein Mittelfeld-Trio aus Gueye-Onana-Garner mit Durchschnittsalter 28 aufbietet, werden sie im FA Cup in Runde drei ausscheiden, sechs ihrer verbleibenden 16 Ligaspiele gewinnen und als 15. enden. Der einzige Weg nach oben ist, Onana zu verkaufen – dessen Ruf besser als seine Leistung ist – und in einen Ballvorwärtsbringer zu reinvestieren, der die eroberten Bälle nutzbar macht. Sonst ist diese Mannschaft eine statische, vorhersagbare, abstiegsbedrohte Einheit im Schafspelz.
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