Evertons Pressing ist ein Täuschungsmanöver gegenüber den eigenen Fans
Beobachtet man Everton zehn Minuten lang, sieht man ein knurrendes, aggressives Rudel, das in Gruppen jagt, Fehler erzwingt und Verteidigung in Angriff umwandelt. Die Realität jedoch ist weit weniger heroisch. Dies ist eine Mannschaft, die nicht aus Stärke presst, sondern aus Unfähigkeit, etwas anderes zu tun. Es ist das taktische Äquivalent eines Boxers, der wild um sich schlägt, weil er nicht boxen kann.
Die Zahlen entlarven die Illusion
In der vergangenen Saison belegte Everton den dritten Platz in der Premier League bei hohen Ballgewinnen (definiert als Rückeroberung des Balls innerhalb von 40 Metern vor dem gegnerischen Tor). Doch bei den daraus erzielten Toren rangierten sie auf Platz 19. Nur Sheffield United war schlechter. Der Ball wird hoch gewonnen, aber sofort verschleudert. Dies ist kein Pressing, das Chancen kreiert; es erzeugt die Illusion von Chancenkreation.
Die Ursache ist struktureller Natur. Sean Dyches Mittelfelddreieck – in der Regel Idrissa Gueye, James Garner und Amadou Onana – ist darauf ausgerichtet, den Ball zu gewinnen, nicht ihn zu verarbeiten. Sobald der Ball gewonnen ist, gibt es keine Third-Man-Läufe, keine vorab organisierten Muster. Der nächste Angreifer, meist Dominic Calvert-Lewin, ist isoliert. Der folgende Pass ist oft ein hastiger, wenig erfolgversprechender Ball in die Kanäle, ein Lotterielos, das sich selten auszahlt.
Warum das Pressing scheitert: eine taktische Autopsie
- Keine nachhaltige Bedrohung: Evertons xG aus hohen Ballgewinnen betrug 0,11 pro Ballgewinn, der niedrigste Wert der Liga. Sie gewinnen den Ball, geben ihn aber innerhalb von drei Pässen wieder her.
- Mittelfeld-Disconnect: Die vorderen Vier pressen, die hinteren Sechs halten. Es gibt keinen koordinierten Auslöser; es ist individueller Heroismus. Wenn ein Spieler anläuft, folgen die anderen nicht.
- Laufen auf Reserve: Die Intensität ist nicht nachhaltig. Nach 60 Minuten lässt das Pressing nach, und Everton wird zu einer passiven, tief stehenden Einheit, die Druck einlädt.
Das Pressing ist kein kohärentes System. Es ist eine Ansammlung dringlicher, verzweifelter Aktionen, die zufällig zusammenpassen. Vergleichen Sie es mit dem Pressing von Bournemouth unter Andoni Iraola, das mit Auslösern basierend auf der Körperhaltung des Gegners choreografiert ist. Dyches Pressing basiert auf Hektik, nicht auf Intelligenz. Es funktioniert für kurze Phasen, dann bricht es zusammen.
Das Gegenargument: Es hat uns doch gerettet, oder?
Verteidiger des Dyche-Ansatzes werden auf den Klassenerhalt verweisen. Ja, Everton ist drin geblieben, aber sie überlebten mit Ach und Krach, mit der drittniedrigsten Punktzahl in der Premier-League-Geschichte des Vereins. Das Pressing ist eine Brandbekämpfungsmaßnahme, keine Grundlage. Es ist das taktische Äquivalent eines Spielers, der seinen Einsatz verdoppelt. Es funktioniert, wenn man nichts zu verlieren hat, aber es kann nichts aufbauen.
Die Daten sind vernichtend: Evertons Expected Goals gegen Ballverluste in der eigenen Hälfte (die 'billigen Geschenke') betrugen 0,29 pro Spiel, der drittschlechteste Wert der Liga. Sie pressen, um zu gewinnen, aber sie pressen auch, um zu verstecken. Sie sind nicht mutig; sie haben Angst. Das Pressing ist ein Schutzschild für ein Team, das den Ball nicht halten kann, ein Team, das keinen Plan hat, wenn es ihn doch einmal hat.
Das Fazit: Everton ist ein Streichholzhaus, das auf einen Windstoß wartet
Dies ist kein nachhaltiges Modell. Die Verpflichtung von Tim Iroegbunam, der für 15 Millionen Pfund zu Hull wechselt, deutet auf Regression statt Fortschritt hin. Finanziell eingeschränkt, können sie die Schlüsselpositionen nicht aufwerten – einen progressiven Mittelfeldspieler, einen ballsicheren Innenverteidiger – die es ihnen ermöglichen würden, Spiele zu kontrollieren. Stattdessen werden sie sich wieder auf das Pressing verlassen, und es wird die Fehler kaschieren, bis es das nicht mehr tut.
Bis Februar 2026 wird Everton die schlechteste Heimbilanz in der unteren Tabellenhälfte haben, weil ihr Pressing durchschaut sein wird. Gegner werden es mit einem Pass überspielen, und das neue Stadion an der Goodison Road wird eine Bibliothek der Frustration sein. Das Pressing ist ein Täuschungsmanöver, und das Kartenhaus wackelt bereits.
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