Newcastles Gefühl der Ungerechtigkeit ist berechtigt – die Lösung nicht.
Matthias Jaissle war nach Thierno Barrys Siegtreffer im St James' Park außer sich und beharrte darauf, dass Schiedsrichter John Brooks ein klares Foul an Fabian Schär übersehen habe. Er hat recht. Doch der Reflex, den VAR zum Sündenbock zu machen, lenkt vom eigentlichen Übeltäter ab: einem Regelwerk, das Konsistenz unmöglich und Mut zur Option macht.
Die lange Geschichte der selektiven Wahrnehmung
Fußball hat schon immer Schiedsrichter-Kontroversen gekannt. Von Geoff Hursts Wembley-Tor 1966 bis zu Thierry Henrys Handspiel 2009 wurde das Spiel von Momenten menschlichen Irrtums geprägt. Der VAR sollte das beheben. Stattdessen hat er den Fehler nur vom Rasen in eine Kabine in Stockley Park verlagert, wo dasselbe fehlerhafte Urteilsvermögen zum Einsatz kommt – mit der zusätzlichen Zumutung von Zeitlupen und auf dem Bildschirm gezogenen Linien.
Die Premier League hat eine ganze Litanei hochkarätiger VAR-Pannen erlebt: der aberkannte Treffer von Luis Díaz bei Tottenham 2023, der ausgebliebene Platzverweis für Mateo Kovačić im Nord-London-Derby 2023, der groteske Elfmeter für Newcastle gegen Wolves 2022. Jedes Mal kommt die Entschuldigung, wird die Inkompetenz eingeräumt, und strukturell ändert sich nichts. Das Muster ist kein Pech, sondern ein System, das sich selbst schützt.
Die Argumente gegen den VAR in seiner jetzigen Form
Das Problem ist nicht die Technik an sich, sondern ihre Anwendung. Die Premier-League-Version des VAR ist ein halbherziger Kompromiss zwischen denen, die roboterhafte Präzision wollen, und denen, die den Spielfluss schätzen. Das Ergebnis ist das Schlechteste beider Welten: lange Unterbrechungen, inkonsistente Schwellenwerte und eine Kultur des Weiterreichens der Verantwortung.
- Subjektivität wird nicht beseitigt, nur verlagert. Um Barrys Tor zu kassieren, hätte Stockley Park Brooks' Entscheidung als „klaren und offensichtlichen Fehler“ einstufen müssen. Diese Schwelle ist so hoch, dass sie Schiedsrichter vor Peinlichkeiten schützt, statt echte Fehler zu korrigieren.
- Der „klar und offensichtlich“-Test ist ein Feiglings-Freibrief. Er erlaubt dem VAR, Randfouls in der Entstehung zu ignorieren – wie bei Schär –, während bei Abseitsentscheidungen auf den Millimeter eingegriffen wird. Die Inkonsistenz ist eingebaut.
- Schiedsrichter werden nicht zur Verantwortung gezogen. Brooks wird keine öffentliche Sanktion erwarten. Jaissle wird für seine Aussagen bestraft. Das System schützt die Seinen auf Kosten der Fairness.
Jaissles Beschwerde hallt denen Dutzender Trainer vor ihm nach. Doch sein Vorschlag, der VAR hätte eingreifen müssen, ignoriert die Tatsache, dass der VAR genau das tat, was die Regeln erlauben: nichts. Das Regelwerk besagt, dass ein Foul „klar und offensichtlich“ sein muss, um aufgehoben zu werden. Schärs Foul war arguable klar, aber war es offensichtlich? Die Mehrdeutigkeit ist das eigentliche Problem.
Das Steel-Man-Argument und seine Schwächen
Die Verteidigung des VAR beruht auf der Behauptung, ohne ihn wären Schiedsrichterfehler noch kostspieliger. Immerhin war das Díaz-Tor bei Tottenham ein klares Unrecht. Doch die VAR-Verteidiger übersehen, dass dieselbe Technik neues Unrecht geschaffen hat und dass die Gesamtbilanz der Fairness nicht so sehr verbessert wurde, wie behauptet. Studien zeigen, dass zwar einige Entscheidungen korrigiert, andere aber erst eingeführt werden. Der Nettogewinn ist marginal, der Preis in Form von Spielfluss und gutem Willen enorm.
Zudem ist das Argument, der VAR sorge für Konsistenz, nachweislich falsch. Dasselbe Foul führt in verschiedenen Spielen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die eigenen Entschuldigungen der PGMOL bestätigen das. Wenn das System keine Konsistenz liefern kann, fügt es dem Chaos lediglich Bürokratie hinzu.
Das Urteil: VAR abschaffen oder radikal reformieren
Die Premier League steht vor einer Wahl: entweder den VAR ganz abzuschaffen und menschliche Fehler zu akzeptieren, oder ihn komplett umzukrempeln, indem Entscheidungen einem separaten, unabhängigen Gremium mit klaren, objektiven Kriterien und einer niedrigeren Eingriffsschwelle übertragen werden. Das aktuelle Modell ist unhaltbar. Meine Prognose: Vor Ende der Saison 2025/26 wird die Premier League ein bedeutendes Reformpaket ankündigen – mit einer reduzierten Rolle des VAR bei subjektiven Entscheidungen und der Einführung von Audio-Feeds für die Sender. Wenn nicht, werden die Rufe nach seiner Abschaffung zu laut, um sie zu ignorieren.
Weitere Artikel
Rubrik: Meinung | LA Premier League Startseite