Die neue Trophäe: die ausgeglichene Bilanz
Die Elite der Premier League hat aufgehört, gewinnen zu wollen. Nicht auf dem Platz – sie stellen immer noch Mannschaften auf, sie geben immer noch Geld aus, sie reden immer noch von Titeln. Doch der Ehrgeiz ist vergiftet. Der eigentliche Wettkampf findet nicht mehr um die Trophäe der Premier League statt, sondern um die Anerkennung der Wirtschaftsprüfer. Manchester City und Arsenal liefern sich kein Wettrüsten; sie wetteifern darum, wer gegenüber den Profit- und Nachhaltigkeitsregeln der Premier League finanziell unschuldiger wirkt. Das Ergebnis ist eine Liga, in der der kühnste Schritt nicht eine 100-Millionen-Verpflichtung ist, sondern ein 50-Millionen-Gewinn mit einem aussortierten Akademie-Abgänger.
Eine Geschichte rücksichtsloser Ambitionen
Es gab Zeiten, da behandelten die Klubs den Transfermarkt wie einen Piratenüberfall. 2003 gab Roman Abramowitsch in einem einzigen Sommer 111 Millionen Pfund aus – mehr als der Jahresumsatz so mancher Klubs – und lachte über die Buchhalter. 2017 zahlte Paris Saint-Germain 198 Millionen für Neymar und löste eine Kaskade von Ausgaben aus, bei der Manchester City und Liverpool mit ausgelassener Hingabe drauflosgaben. Diese Tage sind so tot wie die Höchstlohnregelung der Football League. Heute brüten die Klubs über Abschreibungsplänen wie viktorianische Bankiers. Arsenals Transfer von Lamine Camara, einem 47-Millionen-Mittelfeldspieler aus Monaco, wird als Coup gefeiert. Doch die eigentliche Geschichte ist, dass Arsenal das gesamte Transferfenster damit verbracht hat, Kaderspieler abzugeben, um die Nettoausgaben unter der magischen Grenze zu halten.
Die Alchemie der allsehenden Tabelle
Die Logik von Profit und Nachhaltigkeit ist nun die unsichtbare Hand, die jede Entscheidung leitet. Der Punktabzug für Everton und Nottingham Forest in der vergangenen Saison war keine Strafe für Betrug; es war eine Warnung an jeden Klub, der es wagt zu spekulieren. Die Klubs haben die Botschaft verstanden. Sie agieren nun wie Hedgefonds: kaufen niedrig, verkaufen hoch. Chelsea, das ultimative Beispiel für Abramowitschs Absurditäten, hat sich in eine Fabrik verwandelt, die jeden talentierten Teenager auf dem Planeten kauft, ihn an Strasbourg verleiht und die enttäuschenden Spieler mit hübschem Gewinn verkauft. Arsenal, einst Inbegriff konservativer Ausgaben, ist zum Meister der Arbitrage geworden: Gabriel Jesus für 45 Millionen gekauft, zwei Jahre später für 50 Millionen nach Saudi-Arabien verkauft. Der jüngste Schachzug des Klubs? Die Beobachtung von Willian Pacho bei PSG – nicht weil man einen Verteidiger braucht, sondern weil man ein unterbewertetes Asset sieht, das in einem Jahr um 20 Millionen an Wert gewinnen könnte. Die Top Sechs der Liga sind keine Fußballklubs mehr; sie sind Finanzinstrumente, die gelegentlich Fußball spielen.
- Manchester Citys Nettoausgaben der letzten drei Spielzeiten: minus 45 Millionen. Sie haben Geld verdient. Ein Klub mit dem teuersten Kader der Welt verkauft mehr, als er kauft.
- Arsenals Transferpolitik unter Edu ist geprägt von "Verkaufen, um zu kaufen": Sie haben 200 Millionen an Einnahmen durch den Verkauf der besten Spieler erzielt – und dabei Nottingham Forest nach nur einem Jahr verlassen, um eine neue Herausforderung zu suchen.
- Liverpool, der Klub, der einst 75 Millionen für Virgil van Dijk bezahlte, wartet nun auf Schnäppchen wie Federico Chiesa und lässt seine besten Spieler, wie Mohamed Salah, ihre Verträge auslaufen.
Aber was ist mit dem Nervenkitzel?
Es gibt ein Gegenargument, das jedes Mal vorgebracht wird, wenn ein Fan über die Sterilität des modernen Fußballs klagt. Es besagt, dass finanzielle Umsicht der einzige Weg ist, in einer Ära des Financial Fair Play zu überleben, dass Klubs, die über ihre Verhältnisse leben, Parasiten sind, die Bestrafung verdienen, und dass das aktuelle Modell Nachhaltigkeit gegenüber den Boom-und-Bust-Zyklen fördert, die einst Portsmouth und Leeds in den Bankrott trieben. Es ist ein rationales, vernünftiges Argument. Es ist auch zutiefst langweilig. Fußball war nie dazu gedacht, rational zu sein. Er sollte eine Flucht aus dem Einerlei von Tabellenkalkulationen und Quartalsberichten sein. Die Premier League ist so besessen davon, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, dass sie vergessen hat, warum wir uns überhaupt in dieses Spiel verliebt haben. Wo ist die Romantik, wenn ein Klub wie Bournemouth seinen besten Spieler Solanke für 65 Millionen an Tottenham verkauft und die Hälfte davon in vier unerfahrene Spieler reinvestiert? Wo ist die Ehre, wenn ein Klub wie Brighton, der sich mit Händen und Füßen gegen den Verkauf von Joao Pedro gewehrt hat, ihn dann im Sommer ruhig für 100 Millionen auf die Transferliste setzt und Angebote einlädt?
Prognose: Der Kipppunkt
Bis 2027 wird die Premier League mindestens zwei Klubs unter Insolvenzverwaltung haben – nicht weil sie zu viel ausgegeben haben, sondern weil sie zu wenig ausgegeben haben. Die untere Tabellenhälfte wird von Klubs bevölkert sein, die so risikoscheu geworden sind, dass sie Jugendmannschaften aufstellen, um eine Weiterverkaufsklausel nicht auszulösen. Die Elite wird so viel Talent gehortet haben, dass die Liga in zwei inkonkurrenzfähige Divisionen zerfällt. Und wenn der nächste große Spieler aus einer Top-Sechs-Akademie auftaucht, wird er an einen saudischen Klub verkauft, bevor er auch nur einen Ball im Ernstfall getreten hat, denn die Bilanz wird es verlangen. Die Premier League wird zur profitabelsten, aber am wenigsten sehenswerten Fußballliga der Welt geworden sein.
Verwandte Artikel
Eingeordnet unter: Meinung | LA Premier League Home