Evertons Defensivbilanz kaschiert tiefere Probleme

Ein Blick auf die Premier-League-Tabelle verrät: Everton hat in 28 Spielen nur 28 Gegentore kassiert – die achtbeste Defensivbilanz der Liga. Doch hinter den Zahlen steckt ein anderes Bild: Dieses Team schafft den Umschaltmoment nicht und knickt gegen jedes Pressing ein.

Die Dyche-Doktrin: Kompakt, aber gefangen

Sean Dyche hat sich mit Defensivarbeit einen Namen gemacht. Beim FC Burnley waren seine Teams schwer zu knacken, aber auch harmlos im Angriff. In Everton hat sich das Muster verstärkt. Die Toffees kommen auf nur 0,85 xG pro Spiel – der drittschlechteste Wert. Der Spielaufbau ist quälend langsam: Die Innenverteidiger James Tarkowski und Jarrad Branthwaite spielen pro 90 Minuten 47 Querpässe, bevor sie einen vertikalen Ball riskieren. Zum Vergleich: Bei Brighton unter Roberto De Zerbi kommen die Innenverteidiger auf unter 20 Querpässe und suchen sofort die Tiefe. Dyches Konservatismus ist nicht nur vorsichtig – er lähmt. Wenn Everton lang spielt, zielen sie auf Dominic Calvert-Lewin, der aber in der gegnerischen Hälfte nur 2,3 Luftzweikämpfe pro Spiel bestreitet – mager für einen Zielspieler. Die Folge: 2,5 Torschüsse pro Spiel (Platz 18) und nur 28 Tore – der zweitschlechteste Wert.

Das ist neu für Dyche: Bei Burnley lag sein xG-Schnitt bei 1,1 – niedrig, aber besser. Der Unterschied ist das Personal. Damals hatte er die Flügelstärke von Dwight McNeil und die Kreativität von Ashley Westwood. Jetzt spielt McNeil als linker Schienenspieler, was seine größte Stärke neutralisiert: Flanken. Das Mittelfeld-Duo Idrissa Gueye und Amadou Onana bringt zwar Physis, aber nur 60% ihrer Pässe kommen im letzten Drittel an – im Vergleich zu 80% bei Top-8-Teams. Das ist keine Defensive, die Druck ablässt, sondern ein Druckkochtopf.

Warum der tiefe Block 2024/25 ein Todesurteil ist

Die moderne Premier League bestraft passives Verteidigen. Teams wie Brighton, Aston Villa oder Bournemouth haben gezeigt, wie man tief steht, aber mit gefährlichen Kontern zuschlägt. Evertons tiefe Staffelung ist statisch. Gewinnen sie den Ball im eigenen Drittel, suchen sie sofort den sicheren Querpass oder Rückpass – ohne vertikale Option. Die Zahlen sind vernichtend: Nur Nottingham Forest (9) hat weniger Konterabschlüsse als Everton (11). Dyche verlangt taktische Disziplin statt proaktiver Bewegung. Die Folge: Evertons Umschaltgeschwindigkeit ist die langsamste der Liga: 12,4 Sekunden nach einer Defensivaktion für einen Abschluss – Liverpool braucht 5,8 Sekunden. In einer Liga, in der halbe Sekunden entscheiden, ist das fatal.

  • Gegen Manchester City (1:1, Jan. 2025): 23% Ballbesitz, 13 abgefangene Pässe in der eigenen Hälfte, nur 2 Torschüsse. Citys Pressing erzwang 14 Ballverluste in Evertons Drittel.
  • Bei Arsenal (0:2, Feb. 2025): Nur 62% Passquote unter Druck. Der einzige Torschuss war ein 35-Meter-Schuss von Onana.
  • Gegen Liverpool (1:2, Dez. 2024): Nach 1:0-Führung komplett in die eigene Box gedrängt. 27 Klärungen, null Konter. Das 1:2 fiel nach einer Ecke – logische Folge bei dauerhaftem Druck.

Das sind keine Einzelfälle, sondern die Konsequenz eines Systems, das offensiven Mut opfert. Die Ironie: Die Sicherheit ist eine Illusion. Everton hat 12 Punkte aus Führungen abgegeben – mehr als jedes andere Team außerhalb der Abstiegszone. Bei Rückstand verdoppelt Dyche die Defensive, statt Risiken zu gehen. Das Team hat noch kein Spiel nach einem Rückstand gewonnen. Das ist nicht Resilienz, sondern Weigerung, sich anzupassen.

Aber sie bleiben doch drin? Das Gegenargument

Kritiker werden einwenden: Everton steht auf Platz 15, vier Punkte über dem Strich, mit Zu-null-Spielen gegen Tottenham, West Ham und Chelsea. Der erwartete Gegentorwert (xGA) ist nur bei City und Arsenal niedriger. Doch das Gegenargument hält einer Prüfung nicht stand: Evertons Defensivzahlen werden durch viele Schüsse aus großer Distanz (18,5 Meter, Platz 4) geschönt. Bei hochkarätigen Chancen – durch Steilpässe oder Flanken – ist die Abwehr anfällig: 12 Gegentore aus dem Fünfmeterraum (Platz 3). Auch die Standardverteidigung hat sich verschlechtert: 8 Gegentore nach Standards – für eine Dyche-Mannschaft fast ein Skandal. Bei Burnley gehörte er zu den Top 5 in diesem Bereich. Der Niedergang zeigt, dass selbst seine vielgerühmte Defensive Risse hat.

Was passiert im Endspurt?

Mit sieben Spielen (Sheffield United H, Crystal Palace A, Fulham H, Brentford H, Leicester A, Man City A, Arsenal H) braucht Everton mindestens zwei Siege, um 38 Punkte zu erreichen – die übliche Rettungsmarke. Vier Gegner stehen unten und werden selbst tief stehen – dann nutzt Dyches Konter-Plan nichts. Gegen Sheffield United zu Hause wird Everton Ballbesitz haben – und nicht wissen, was sie damit anfangen sollen. Erwartet werden niedrige xG-Werte, frustrierte Flügelspieler und Hoffnung auf Standards. Meine Prognose: Everton gewinnt nur eines der nächsten vier Heimspiele, und das durch einen Standard oder Abwehrfehler. Geraten sie in Rückstand, verlieren sie. Ich sehe Everton am Ende mit 35 Punkten auf Platz 18, weil die Defensive das katastrophale Offensivspiel nicht mehr kaschieren kann. Ich wette gegen Dyches Methode auf diesem Niveau und erwarte seine Entlassung vor der nächsten Saison.

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