Tottenhams Mittelfeld: Eine Fata Morgana der Kompetenz

Sieht man Tottenham länger als 20 Minuten zu, fällt ein Muster auf: Mittelfeldspieler bekommen den Ball im Raum, zögern, spielen einen sicheren Pass nach hinten. Das ist keine Vorsicht, sondern ein strukturelles Versagen, das Angriffe im Keim erstickt.

Der Conte-Kater, der nicht vergeht

Antonio Contes 3-4-3 setzte auf direkte Vertikalpässe zu Harry Kane und umging das Mittelfeld komplett. Als Kane ging und Postecoglou kam, verlangte das System Mittelfeldspieler, die unter Druck annehmen, drehen und das Spiel nach vorne tragen können. Doch das Personal blieb. Yves Bissouma, Pape Sarr und Rodrigo Bentancur wurden für eine andere Philosophie verpflichtet – ohne gestalterische Verantwortung. Das Ergebnis: Ein Mittelfeld, das weder Linien durchbrechen noch die Viererkette schützen kann.

Die Daten der Saison 2024/25 zeichnen ein düsteres Bild. Tottenham liegt in der Premier League auf Platz 14 bei Pässen in das letzte Drittel aus dem zentralen Mittelfeld. Die progressiven Dribblings aus dem Mittelfeld liegen 17 Prozent unter dem Ligadurchschnitt. Wenn ein Mittelfeldspieler nach vorne dribbelt, hat er oft keine Anspielstation, weil die Flügelspieler (Son, Kulusevski, Johnson) durch Postecoglous Außenverteidiger hoch gebunden sind – eine klaffende Lücke zwischen den Linien, in der Pässe sterben.

Das Argument: Postecoglous System legt jede Schwäche offen

Postecoglou verlangt von seinen zentralen Mittelfeldspielern, sowohl tiefstehende Spielmacher als auch Balleroberer zu sein – eine Doppelrolle, die nur absolute Topspieler ausfüllen können. Tottenhams Mittelfeldspieler sind aber Spezialisten für das eine oder andere.

  • Yves Bissouma glänzt beim Dribbling gegen das Pressing, aber sein Passspiel ist limitiert – nur 5,2 lange Bälle pro 90 Minuten bei 38 Prozent Genauigkeit.
  • Pape Sarr ist eine physische Box-to-Box-Präsenz, aber seine Entscheidungsfindung unter Druck ist sprunghaft; er verliert den Ball 11 Mal pro 90 Minuten im mittleren Drittel.
  • Rodrigo Bentancur ist solide, aber risikoscheu – 89 Prozent Passquote, aber 90 Prozent davon sind Seiten- oder Rückpässe. Ein Mitläufer.

Das Problem ist nicht das individuelle Talent, sondern dass keine Kombination sowohl defensive Absicherung als auch kreative Durchschlagskraft bietet. James Maddison wurde nach hinten gezwungen, um zu kompensieren, aber er ist kein Mittelfeldspieler. Er ist ein Zehner, der als Achter spielt, und sein defensiver Beitrag – 1,2 Tacklings pro 90 Minuten – macht das Mittelfeld löchrig. Gegner haben das gnadenlos ausgenutzt: Tottenham hat in dieser Saison zwölf Gegentore nach schnellen Gegenstößen kassiert – mehr als jedes andere Team außerhalb der Abstiegsränge.

Gegenargument: Zeit und Neuzugänge werden das Problem lösen

Einige argumentieren, Postecoglou brauche nur ein Transferfenster, um sein Mittelfeld umzubauen. Sie verweisen auf den bevorstehenden Neuzugang eines Sechsers (Gerüchte um Manuel Locatelli von Juventus) und die Rückkehr verletzter Spieler wie Bentancur. Aber der strukturelle Fehler sitzt tiefer. Contes Defensive basierte auf einer Dreierkette, die Räume abdeckte; Postecoglous hohe Linie verlangt ein Mittelfeld, das abschirmt – das mit dem aktuellen Kader nicht möglich ist. Auf den Transfermarkt zu setzen, um ein 18 Monate altes Systemproblem zu lösen, ist naiv – dasselbe Muster zeigte sich bereits letzte Saison, als Maddison, Bissouma und Sarr gemeinsam starteten.

Zudem verschärft das System den Fehler. Postecoglous Außenverteidiger (Porro und Udogie) schieben so hoch, dass die zentralen Mittelfeldspieler oft die einzigen sind, die die halbe Spielfeldbreite abdecken. Diese räumliche Überlastung ist selbstmörderisch, wenn Bissouma am Ball festgehalten wird oder Sarr seine Zone verlässt, um zu pressen. Contes Dreierkette kaschierte das; heute wird die Viererkette 50 Mal pro Spiel entblößt.

Fazit: Wenn Postecoglou sich nicht anpasst, landet Tottenham außerhalb der Top Sechs

Bis April 2026 wird Tottenham drei Mittelfeld-Paarungen durchgespielt haben ohne Erfolg, und Postecoglou wird entweder sein System aufgeben oder entlassen werden. Der Fehler des Vereins, im Sommertransferfenster 2025 keinen defensiven Mittelfeldspieler zu verpflichten, sondern einen Flügelspieler wie Crysencio Summerville, wird sich als fatal erweisen. Tottenhams Mittelfeld bleibt ein schwarzes Loch, das jede Hoffnung aus den Angriffen saugt und die Abwehr entblößt. Die Prognose: Platz 9 und eine titellose Saison – der Beginn des nächsten Umbruchs.

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