Das Pressing-Dilemma von Crystal Palace
Oliver Glasners Crystal Palace gibt sich als progressive Mannschaft, defensiv aber sind sie ein Risiko. Die Zahlen sprechen Bände: 62 Gegentore in 38 Premier-League-Spielen – der schlechteste Wert der oberen Tabellenhälfte. Doch die Ursache ist nicht mangelnder Einsatz oder individuelle Patzer, sondern ein systemischer Fehler in der Pressing-Struktur.
Hohe Linien, tiefe Abstürze
Palace‘ Philosophie unter Glasner verlangt ein aggressives Angriffspressing, doch die Umsetzung ist chaotisch. Die vorderen drei pressen hoch, das Mittelfeldtrio steht auf einer geteilten Linie, die Abwehrkette rückt zurück. So entsteht ein Niemandsland zwischen Mittelfeld und Abwehr, das Gegner eiskalt ausnutzen. In der Saison 2023/24 erlaubte Palace die viertmeisten Pässe ins letzte Drittel (179 pro Spiel) – ein Symptom dieser zerrissenen Formation.
Zum Vergleich: Sean Dyches Burnley 2017/18 kassierte ebenfalls viele Tore, aber aus einem kompakten Block heraus. Palace presst nicht als Einheit, sondern mit isolierten Aktionen, die Lücken reißen. Wenn Jean-Philippe Mateta einen Innenverteidiger jagt, schiebt das Mittelfeld nicht nach, und die Abwehrkette fällt zu tief zurück. Die Folge ist eine 15-Meter-Lücke, in der clevere Mittelfeldspieler schalten und walten.
Die strukturelle Dysfunktion in vier Punkten
Einzelne Verteidiger wie Marc Guéhi oder Joachim Andersen zu kritisieren, ignoriert das tiefere Problem. Das System macht sie angreifbar. Hier die Belege:
- Palace kassierte 43 Gegentore aus dem Spiel heraus – der dritthöchste Wert der Liga. Die meisten fielen nach Kontern infolge eines missglückten Pressings, direkte Folge der zerrissenen ersten Linie.
- Gegner spielten 81% ihrer Pässe ins Angriffsdrittel gegen Palace vollständig (Opta). Das ist mehr als gegen Luton oder Sheffield United, die den Bus parkten.
- Cheick Doucouré und Jefferson Lerma sollen die Räume abdecken, aber ihr durchschnittlicher Abstand beträgt 11 Meter – viel zu viel, um Kombinationen im Zentrum zu unterbinden.
Das sind keine Zufallsstatistiken, sondern Belege eines taktischen Widerspruchs. Palace will pressen, aber ohne die nötige Kompaktheit. Das gespaltene Mittelfeld ist der Übeltäter, es lässt die Innenverteidiger gegen Läufer aus der Tiefe im Stich.
Gegenargument: Qualitätsmangel oder taktische Inkompetenz?
Manche sagen, Palace fehle es an Qualität – Doucouré sei ein schlechter Passgeber, Andersen fehleranfällig. Doch das greift zu kurz. Selbst Virgil van Dijk hätte Probleme, wenn sein Mittelfeld ständig aufgerissen wäre. Das Abwehrsystem schützt die Schwachstellen nicht, es verstärkt sie. Historisch gesehen haben selbst durchschnittliche Verteidiger in einem kompakten Block brilliert – Chris Smalling bei José Mourinhos Roma beweist das. Palace‘ Verteidiger sind nicht per se schlecht, sie werden schlecht dastehen gelassen. Der Fehler liegt bei Glasner, der die Abstände zwischen den Linien nicht anpasst – eine Sturheit, die an André Villas-Boas‘ Tottenham 2012/13 erinnert, als ein hohes Pressing ebenfalls scheiterte.
Prognose: Palace kassiert wieder 60+ Gegentore, wenn Glasner am gespaltenen Mittelfeld festhält
Bleibt Glasner bei den aktuellen Pressing-Abständen, wird Crystal Palace in der Saison 2024/25 wieder 60 oder mehr Premier-League-Tore kassieren. Die einzige Lösung: den Block kompakter machen – entweder die Stürmer tiefer starten lassen oder die Abwehr höher schieben, um die Lücke zu schließen. Tut er das nicht, werden Abstiegskandidaten wie Nottingham Forest und Bournemouth Palace mit Kontern auseinandernehmen. Das System ist das Problem, nicht die Spieler.
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