Aston Villas Mittelfeld ist eine tickende Zeitbombe, die Unai Emery ignoriert.
Für all seine europäischen Ambitionen und den rasanten Aufstieg ist Villas Zentrum grundlegend schief. Die Zahlen kaschieren es, die Ergebnisse überdecken es, aber die zugrundeliegenden Daten schreien nach einer strukturellen Häresie: Villa kann Spiele gegen starke Gegner nicht kontrollieren, weil ihre Doppelsechs ein Oxymoron ist.
Der taktische Widerspruch im Herzen von Villa
Emerys System verlangt nach einem ballsicheren Sechser, der unter Druck bestehen kann, und einem box-to-box-Läufer, der Linien durchbricht. Youri Tielemans ist trotz aller technischen Klasse weder das eine noch das andere. Er ist ein Dirigent ohne Rhythmusgruppe, ein Spielmacher, der Zeit und Raum braucht, die Premier-League-Mittelfelder nicht bieten. Wenn McGinn nach vorne schiebt, wird Villas Mittelfeld zum Sieb.
Man vergleiche das mit Brightons Caicedo-Mac-Allister-Achse letzte Saison – Balance pur. Oder mit Wolves' altem Neves-Moutinho-Duo. Villas aktuelle Struktur ähnelt eher einem 4-2-4 der 1970er-Jahre: Die Abwehr wird entblößt, die Stürmer sind isoliert. Die Folge: Villa kassiert die meisten Torschüsse aus Umschaltsituationen aller Top-Teams 2024.
Warum Bergvall und Wharton nicht die Lösung sind – aber das Problem zeigen
Das kolportierte Interesse an Lucas Bergvall und Adam Wharton ist aufschlussreich. Bergvall ist ein technischer Dribbler, Wharton ein zurückhängender Verteiler. Zwei unterschiedliche Profile, beide deuten darauf hin, dass Villa den Bedarf eines spezialisierten Sechsers erkannt hat. Doch beide zu jagen, deutet auf Verwirrung hin: Wollen sie einen Regisseur oder einen Ballträger?
- Lucas Bergvall: 18 Jahre, 18 progressive Läufe pro 90 Minuten für Djurgarden. Ein Läufer, kein Regulator.
- Adam Wharton: 21 Jahre, 89. Perzentil für Passquote unter Druck bei Blackburn. Ein Absicherer, kein Shuttler.
- Villas aktuelles Mittelfeld xG gegen pro 90: 1,45 (12. in der Premier League).
Beide zu jagen ist, als bestelle man einen Koch und einen Sous-Chef, während die Küche brennt. Man braucht einen Feuerwehrmann – einen physischen, defensiven Mittelfeldspieler, der die Viererkette abschirmt. Keiner der beiden Kandidaten entspricht diesem Profil.
Das Gegenargument: Emerys System ist genial, nicht fehlerhaft
Manche werden argumentieren, dass Villas Mittelfeld-Ungleichgewicht mit Absicht herbeigeführt wird. Dass Emery Tielemans als Startrampe für schnelle Umschaltsituationen nutzt und McGinns Chaos ein Feature, kein Bug ist. Gegen tiefstehende Gegner funktioniert das – Villa sammelt xG am Fließband. Doch gegen Elite-Pressingteams wie Manchester City oder Arsenal wird die Fragilität entlarvt: Villa verlor 2024 jedes Spiel gegen Top-Fünf-Teams, bis auf einen glücklichen Sieg im Emirates. Wenn das Pressing kommt, wird Tielemans umgedreht, McGinn umgangen und die Abwehr allein gelassen.
Die Entgegnung ist einfach: Fußball ist kein Labor. Emerys System erfordert perfekte Ausführung von risikoreichen Pässen unter Druck. Das ist über 38 Spiele nicht durchzuhalten. Der Beweis ist der Einbruch in der zweiten Halbzeit gegen Crystal Palace im März, als Villas Mittelfeld überrannt wurde.
Fazit: Villa wird außerhalb der Top Sechs landen, wenn sie im Sommer keinen richtigen Sechser verpflichten
Ich prognostiziere, dass Villa bis Oktober 2024, falls kein spezialisierter Sechser – einer im Stile von Palhinha oder Lavia – geholt wird, auf Platz zehn oder tiefer abrutscht. Die Jagd nach Bergvall und Wharton ist ein Ablenkungsmanöver. Keiner von beiden wird die Ursache beheben. Emerys System hat trotz all seiner Schönheit eine blutende Kante. Und die wird Villa aus dem Europacup schneiden.
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