West Ham hat keine Abwehrkrise — sondern ein Mittelfeld-Vakuum, das die Viererkette schlechter aussehen lässt

West Hams Gegentorquote ist ein Symptom, nicht die Krankheit. Das eigentliche Problem ist ein strukturell passives Mittelfeld, das den Gegner einlädt, die Viererkette schutzlos stellt und jeden Umschaltmoment zum Feuerwehreinsatz macht. Die Innenverteidiger verantwortlich zu machen, ist faule Analyse.

Der Mythos der löchrigen Abwehr

Seit David Moyes' Abschied kassiert West Ham in einer Quote, die auf defensives Chaos hindeutet. Doch die Zahlen zeichnen ein differenzierteres Bild: Die Hammers lassen viele Abschlüsse aus zentralen Räumen zu — nicht weil die Innenverteidiger schlecht sind, sondern weil der Mittelfeld-Screen fehlt. Die Viererkette steht im Umschaltspiel oft in Unterzahl, 2 gegen 3 oder 3 gegen 4.

Vergleichen Sie das mit Graham Potters Brighton, wo eine ähnlich bescheidene Abwehrreihe durch ein diszipliniertes Mittelfeld-Gerüst geschützt wurde. Oder mit Nuno Espírito Santos Nottingham Forest, der trotz bescheidener Viererkette kaum hochwertige Chancen zulässt — weil das Mittelfeld die zentralen Laufwege blockt. West Hams Mittelfeld macht weder das eine noch das andere.

Das Argument: ein strukturell passives Mittelfeld

West Hams Mittelfeld hängt zwischen Pressing und Zurückfallen fest. Das Ergebnis ist ein poröser Block, der weder hoch den Ball gewinnt noch die Abwehr schützt. Es liegt nicht am Personal — es liegt an der Abstimmung.

  • West Ham rangiert bei Mittelfeld-Pressings pro 90 Minuten unter den letzten fünf, lässt aber zugleich viele Pässe in das eigene Defensivdrittel zu — das Schlechteste aus beiden Welten.
  • Die defensiven Aktionen (Tacklings, Ballabfangen) konzentrieren sich im eigenen Strafraum statt im Mittelfeld — ein Zeichen für ein reaktives, nicht proaktives Mittelfeld.
  • Gegner kommen regelmäßig mit minimalem Widerstand durch die zentralen Zonen, zwingen die Innenverteidiger zum Vorstoßen und reißen Lücken dahinter auf.

Das ist kein neues Problem. Es erinnert an die Misere unter Frank Lampard bei Chelsea — ein Mittelfeld, das auf dem Papier gut aussah, dem aber das Raumgefühl fehlte, um die Viererkette zu schützen. Potters West Ham hat das noch nicht gelöst, und die Verpflichtung eines weiteren Sechsers wird es nicht beheben, solange sich die Struktur nicht ändert.

Aber die Abwehr ist doch einfach schlecht, oder?

Das Gegenargument ist simpel: West Hams Innenverteidiger sind langsam, fehleranfällig und lassen die Konzentration vermissen. Da ist etwas Wahres dran — individuelle Fehler haben Gegentore gekostet. Doch diese Fehler werden durch ein Mittelfeld verstärkt, das keinen Schutz bietet. Ein gut geschultes Mittelfeld reduziert die Zahl der 1-gegen-1-Duelle und Umschaltmomente, denen sich eine Abwehr stellen muss. West Hams Mittelfeld macht das Gegenteil: Es lädt Druck ein und verliert dann die Läufer aus den Augen.

Nehmen Sie die Gegentore nach Hereingaben oder Rückpässen — ein direktes Resultat daraus, dass Mittelfeldspieler Läufer in den Strafraum nicht verfolgen. Das ist kein Abwehrfehler, sondern ein systemisches Versagen.

Fazit: West Ham hält gegen kein Team der oberen Tabellenhälfte zu null, bis sich die Mittelfeld-Struktur ändert

Meine Prognose: West Ham kassiert in jedem der nächsten drei Spiele gegen Gegner aus der oberen Tabellenhälfte mindestens zwei Gegentore, und das Mittelfeld wird an mindestens der Hälfte dieser Treffer direkt beteiligt sein — durch verlorene Duelle oder verpasstes Mitverfolgen. Die Lösung ist kein neuer Innenverteidiger, sondern ein Mittelfeld, das mit Ziel presst und mit Disziplin zurückfällt. Bis dahin wird die Abwehr weiter für einen Fehler verantwortlich gemacht, der weiter vorne beginnt.

Rubrik: Taktik-Analyse | LA Premier League Startseite