Die VAR-Krisen sind keine Unfälle, sondern das Produkt einer Schiedsrichterkultur, die niemandem Rechenschaft schuldet.
Wieder ein Wochenende, wieder ein VAR-Farce. Doch der wahre Skandal ist nicht die Abseitslinie oder die zittrigen Linien – sondern die Tatsache, dass Schiedsrichter wissen, dass sie Fehler machen können, ohne Konsequenzen zu fürchten. Keine Degradierung, keine Geldstrafe, keine öffentliche Rechenschaft. Nur eine stille Entschuldigung und ein Platz im Aufgebot der nächsten Woche.
Wie es dazu kam: Eine Geschichte des Schutzes der eigenen Gilde
Das englische Schiedsrichterwesen war schon immer eine Gilde. Die Professional Game Match Officials Limited (PGMO) ist ein privates Unternehmen, das der Premier League, der FA und der EFL gehört. Ihre Schiedsrichter sind Angestellte, keine unabhängigen Auftragnehmer. Sie trainieren zusammen, reisen zusammen und – entscheidend – werden von ihresgleichen bewertet. Das Ergebnis ist eine Kultur der Omertà: Man kritisiert keinen Kollegen, man gibt keinen Fehler zu und man schlägt schon gar nicht vor, dass das System fehlerhaft sein könnte.
Als der VAR 2019 eingeführt wurde, sollte er eine Ebene der Objektivität schaffen. Stattdessen wurde er zu einem Werkzeug, um die Autorität der Schiedsrichter zu stärken. Dieselbe geschlossene Gruppe bedient nun die Technologie, und derselbe Code des Schweigens gilt. Der einzige Unterschied: Fehler werden jetzt in Zeitlupe übertragen, und die Ausreden sind ausgefeilter.
Der Fall: Rechenschaftspflicht ist das fehlende Puzzleteil
Man betrachte die Beweise allein aus dieser Saison. Im August wurde Manchester United bei Tottenham ein klarer Elfmeter verweigert, als Romero den Ball mit dem Kopf an seinen eigenen Arm lenkte. Der VAR, Chris Kavanagh, griff nicht ein. Die PGMO gab später zu, dass es falsch war. Kavanagh blieb ohne Sanktion. Im September wurde Newcastles Anthony Gordon bei West Ham ein Elfmeter nach einem offensichtlichen Foul verweigert. Wieder kein Eingreifen. Wieder keine Konsequenz. Im Oktober wurde Liverpool bei Tottenham ein Tor fälschlicherweise wegen Abseits aberkannt, weil der VAR, Darren England, die Entscheidung auf dem Feld missverstand. England wurde eine Woche lang aus dem Verkehr gezogen und kehrte dann zurück, als wäre nichts geschehen.
Dies sind keine isolierten Fehler. Sie sind Symptome eines Systems, das Schiedsrichter als unantastbar behandelt. Die Reaktion der PGMO ist immer dieselbe: eine private Entschuldigung beim Verein, eine öffentliche Erklärung des „Lernens“ und ein Versprechen, es besser zu machen. Aber nichts ändert sich, weil sich die Anreize nicht ändern. Schiedsrichter werden auf einer Kurve bewertet, und die Kurve wird von ihresgleichen festgelegt.
- Keine unabhängige Überprüfung: Die PGMO untersucht ihre eigenen Fehler. Es gibt keine externe Instanz mit der Befugnis, Schiedsrichter zu bestrafen oder weiterzubilden.
- Keine finanzielle Strafe: Ein Schiedsrichter, der einem Verein durch eine Fehlentscheidung Millionen kostet, erleidet keinen finanziellen Schaden. Sein Gehalt ist garantiert.
- Keine öffentliche Rechenschaft: Schiedsrichter sind nicht verpflichtet, ihre Entscheidungen den Medien zu erklären. Sie verstecken sich hinter der Pressestelle der PGMO.
Das Gegenargument: Schiedsrichter sind Menschen, und Missbrauch ist weit verbreitet
Die übliche Verteidigung lautet, dass Schiedsrichter Menschen sind, dass das Spiel schnell ist und dass der Missbrauch, dem sie ausgesetzt sind – von Spielern, Trainern und Fans – unerträglich ist. Alles wahr. Aber Menschlichkeit ist keine Entschuldigung für systemische Inkompetenz. Wenn ein Chirurg wiederholt Fehler machen würde, würden wir nicht sagen: „Nun ja, Chirurgie ist schwierig.“ Wir würden eine Nachschulung, Aufsicht und Konsequenzen fordern. Schiedsrichter verdienen Schutz vor Missbrauch, aber sie verdienen auch ein System, das ihnen hilft, besser zu werden. Die PGMO tut weder das eine noch das andere. Sie schirmt sie von Kritik ab und gibt ihnen gleichzeitig nicht die Werkzeuge, um sich zu verbessern.
Darüber hinaus wird das Missbrauchsargument oft benutzt, um legitime Kritik zu unterbinden. Eine Entscheidung in Frage zu stellen ist kein Missbrauch. Rechenschaftspflicht zu fordern ist kein Missbrauch. Die PGMO wirft beides in einen Topf, um der Überprüfung zu entgehen.
Urteil: Nichts ändert sich, bis Schiedsrichter degradiert werden können
Wenn die Premier League es ernst meint mit der Behebung des VAR, muss sie echte Konsequenzen einführen. Das bedeutet ein unabhängiges Gremium mit der Befugnis, leistungsschwache Schiedsrichter in die Championship zu degradieren, sie zu bestrafen und sie zu zwingen, ihre Entscheidungen öffentlich zu erklären. Es bedeutet, die Audioaufnahmen der VAR-Konversationen in Echtzeit zu veröffentlichen. Es bedeutet, das Schiedsrichterwesen wie jeden anderen Beruf zu behandeln: Du leistest, oder du bist raus.
Bis dahin erwartet uns mehr vom Gleichen. Meine Prognose: Bis zum Ende der Saison 2024/25 werden mindestens drei weitere Vereine formelle Beschwerden über den VAR einreichen, und die PGMO wird mit einer weiteren Entschuldigung und null strukturellen Veränderungen antworten. Der einzige Weg, den Kreislauf zu durchbrechen, ist, die Gilde zu durchbrechen. Und das wird nicht passieren, bis diejenigen, die die Premier League führen, zugeben, dass das Problem nicht die Technologie ist – sondern die Kultur.
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