Das VAR-Debakel im Manchester-Derby war kein Technikversagen. Es war ein Versagen des Gesetzes selbst.

Als Matt Donohue Enzo Fernandez drei Meter im Abseits übersah, bevor Erling Haaland zum Siegtreffer einnetzte, war der Aufschrei vorhersehbar. Doch der eigentliche Skandal ist nicht die verpasste Entscheidung. Es ist die Tatsache, dass die Abseitsregel so verkorkst ist, dass selbst Profi-Schiedsrichter sie nicht mehr konsequent anwenden können. Der VAR hat nicht versagt. Das Regelwerk hat versagt.

Abseits war einst ein simples, brutales Gesetz

Über weite Strecken der Fußballgeschichte war Abseits binär. Man stand entweder hinter dem letzten Verteidiger oder nicht. Linienrichter trafen Entscheidungen in Sekundenbruchteilen. Alle akzeptierten die Fehlertoleranz, weil die Regel klar war.

Dann kamen die Neuinterpretationen. Aktiv und passiv. Eingriff ins Spiel. Vorteilsnahme. Spielphasen. Jede Klarstellung fügte eine weitere Ebene der Subjektivität hinzu. Als der VAR kam, war die Abseitsregel zu einem juristischen Dokument geworden, für dessen Entschlüsselung man ein Philosophiestudium braucht.

Der Fall Enzo Fernandez ist der logische Endpunkt. Er stand drei Meter im Abseits. Nicht knapp. Nicht um eine Fußspitze. Drei Meter. Und dennoch zögerte der VAR-Beamte, weil er entscheiden musste, ob Fernandez ins Spiel eingriff, ob er in der Sichtlinie des Torwarts stand, ob die Spielphase zurückgesetzt war. In diesem Nebel der Interpretation wurde ein glasklares Abseits übersehen.

Dieselbe Verwirrung hat andere Entscheidungen infiziert. In der vergangenen Saison wurde Brighton bei Crystal Palace ein Tor aberkannt, weil ein Spieler als im Abseits stehend gewertet wurde, obwohl er mit dem Rücken zum Tor auf dem Boden lag. Eine Saison zuvor wurde Wolves bei Liverpool ein Siegtreffer verwehrt, als ein im Abseits stehender Spieler als ins Spiel eingreifend bewertet wurde, obwohl er meilenweit vom Ball entfernt war.

Das sind keine Technikfehler. Das sind Regel-Fehler. Der VAR hat sie nur in Dauerschleife ans Licht gebracht.

Die Abseitsregel braucht die Axt, nicht das Feintuning

Die Lösung ist nicht mehr VAR-Training oder schnelleres Linienziehen. Es ist die Vereinfachung der Regel auf den Punkt, an dem die einzige Frage lautet: Stand der Angreifer beim Abspiel vor dem zweitletzten Verteidiger? Kein Aktiv. Kein Passiv. Kein Eingreifen. Nur Position.

Würde das bedeuten, dass manche Tore wegen Abseits aberkannt werden, die derzeit zählen? Ja. Würden manche Tore zählen, die derzeit aberkannt werden? Ebenfalls ja. Aber es wäre konsequent. Und Konsequenz ist es, wonach der Fußball sich sehnt.

  • Der Fernandez-Fehler: drei Meter im Abseits, doch der VAR zögerte, weil er Eingriff statt Position bewerten musste.
  • Brightons aberkanntes Tor bei Crystal Palace: Spieler am Boden, Rücken zum Tor, dennoch als eingreifend gewertet. Absurd.
  • Wolves in Liverpool: ein Spieler fernab des Balls, dem Vorteilsnahme unterstellt wurde. Die Regel ist ein Witz.
  • Arsenals Tor bei Aston Villa in der letzten Saison: sechs Pässe nach dem Abseits, dennoch aberkannt, weil die Spielphase nicht zurückgesetzt war. Niemand im Stadion verstand, warum.

Keine dieser Entscheidungen hätte einen neuen Kamerawinkel gebraucht. Sie hätten ein klares Gesetz gebraucht. Das aktuelle ist nicht klar. Es ist ein Labyrinth.

Das Gegenargument: Eine Vereinfachung würde das Spiel ruinieren

Die Standardverteidigung der aktuellen Regel lautet, dass ein striktes Abseits Angreifer für belanglose Positionen bestrafen würde, die das Spiel nicht beeinflussen. Ein Stürmer, der an der Eckfahne im Abseits steht, sollte kein Tor annullieren, so das Argument.

Theoretisch ein fairer Punkt. In der Praxis jedoch schafft die aktuelle Regel weit mehr Ungerechtigkeit, als sie verhindert. Der Fernandez-Fehler kostete Manchester United ein Derby. Das aberkannte Brighton-Tor kostete einen Punkt an der Selhurst Park. Die Wolves-Entscheidung kostete einen berühmten Sieg an der Anfield Road.

Wie viele Spiele müssen noch durch juristische Auslegungen entschieden werden, bevor wir zugeben, dass die Regel das Problem ist? Das Gegenargument unterstellt, dass Spieler eine strikte Abseitsregel ausnutzen würden, indem sie im Abseits stehen, um Vorteile zu erlangen. Werden sie nicht. Denn wenn sie beim Abspiel im Abseits stehen, geht die Fahne hoch. Kein Vorteil. Keine Zweideutigkeit.

Außerdem hat der Fußball längst einen Mechanismus, um absichtliches Abseits-Stehen zu bestrafen: Er heißt Abseitsfalle. Verteidiger nutzen sie seit über einem Jahrhundert. Eine vereinfachte Regel würde schlicht dieses Duell zwischen Angreifer und Verteidiger wiederherstellen. Einer läuft, einer rückt auf. Der Schnellste und Klügste gewinnt. Das ist Fußball, nicht Jura.

Prognose: Die IFAB wird die Abseitsregel innerhalb von zwei Jahren vereinfachen, und die Premier League wird den Vorstoß anführen

Die Premier League hat bereits gezeigt, dass sie bereit ist, sich beim Handspiel und den Gehirnerschütterungsprotokollen von der IFAB zu lösen. Das Fernandez-Fiasko wird der Katalysator für einen formellen Vorschlag sein. Ich prophezeie, dass zu Beginn der Saison 2028/29 die Abseitsregel auf einen einzigen Satz reduziert wird: Ein Spieler steht im Abseits, wenn sich beim Abspiel irgendein Teil seines Körpers, mit dem er ein Tor erzielen kann, vor dem zweitletzten Verteidiger befindet.

Kein Aktiv. Kein Passiv. Kein Eingreifen. Nur Position. Und die VAR-Beamten haben endlich eine Regel, die sie ohne Philosophiestudium anwenden können. Wenn es so weit ist, wird der Fehler im Manchester-Derby nicht als VAR-Versagen in Erinnerung bleiben, sondern als der Moment, in dem der Fußball zugab, dass seine Regeln kaputt waren.

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