PSR-Punktabzug: Keine Fairness, sondern Kartellwächter

Die Profit & Sustainability Rules (PSR) der Premier League sind kein finanzieller Gesundheitscheck. Sie sind ein Kartell-Schutzmechanismus, der die etablierte Ordnung vor unbequemen Herausforderern bewahren soll. Die jüngsten Punktabzüge für Everton und Nottingham Forest bestätigen nur, was immer schon klar war: Die Regeln blockieren den Aufstieg, nicht die fiskalische Verantwortung.

Der Mythos vom „Schutz vor der Pleite"

Die offizielle Begründung für PSR lautet, dass sie Klubs davor bewahrt, über ihre Verhältnisse zu leben und Pleite zu gehen. Doch die Geschichte erzählt eine andere Geschichte. Seit Einführung der Finanzregeln 2013 ist kein Erstligist in die Insolvenz gerutscht. Währenddessen sind Klubs in der Championship – wo die PSR noch strenger sind – regelmäßig zusammengebrochen. Leeds United, Derby County und Reading gingen trotz Einhaltung der EFL-Regeln in die Insolvenz. Wenn PSR wirklich vor Zahlungsunfähigkeit schützen, wie erklärt sich das dann?

Der wahre Zweck von PSR ist es, Ausgaben zu deckeln. Indem die Verluste auf 105 Millionen Pfund über drei Jahre begrenzt werden, setzt die Premier League eine Obergrenze für Investitionen. Das nützt den Klubs, die ohnehin die höchsten Einnahmen haben – vor allem den „Big Six" –, weil sie mehr ausgeben können, ohne die Grenze zu reißen. Für einen Klub wie Newcastle United mit neuem Besitzer und Ambitionen, das Oligopol zu sprengen, sind die Regeln eine Zwangsjacke.

Wie das Kartell funktioniert: Einnahme-Ungleichheit und der „Big Six"-Club

Die TV-Erlöse der Premier League werden relativ gleich verteilt, aber die kommerziellen Einnahmen nicht. Manchester United, Liverpool, Arsenal, Chelsea, Manchester City und Tottenham verdienen zusammen Milliarden durch Sponsoring und weltweite Tourneen. 2022/23 betrug Man Uniteds kommerzieller Umsatz 227 Millionen Pfund, Evertons 43 Millionen. Doch beide sind an die gleiche Verlustgrenze von 105 Millionen gebunden. Das ist, als würde man einem Milliardär und einem Rentner sagen, sie dürften beide 10.000 Euro für ein Auto ausgeben.

  • Everton: 43 Mio. kommerzieller Umsatz 2022/23. Um mitzuhalten, müssen sie in Gehälter und Transfers investieren, aber PSR deckelt die Verluste. Sie liehen sich Geld von Rights and Media Funding zu 10% Zinsen, was die Kosten weiter in die Höhe trieb. Als sie die 105-Millionen-Grenze rissen, gab es vier Punkte Abzug.
  • Nottingham Forest: 2022 aufgestiegen, gaben sie viel aus, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ihr kommerzieller Umsatz liegt bei rund 30 Mio. Sie überschritten die Grenze um 34,5 Mio. und kassierten einen Vier-Punkte-Abzug. Jetzt kämpfen sie mit einer Hand auf dem Rücken gegen den Abstieg.
  • Im Gegensatz dazu Chelsea: Kommerzieller Umsatz über 200 Mio. 2022/23. Sie gaben 600 Mio. für Transfers in 18 Monaten aus, entgingen aber PSR-Strafen, indem sie Eigengewächse für reinen Profit verkauften und Amortisationstricks anwendeten. Ihre Eigentümer schrieben Schulden ab und stellten Eigenkapital zur Verfügung, um die Regeln ohne Punktabzug zu erfüllen.

Das Gegenargument: „Regeln sind Regeln"

Verteidiger von PSR argumentieren, dass die Klubs die Regeln kennen und befolgen müssen. Everton und Forest haben verstoßen, wurden bestraft. Das ist technisch korrekt, ignoriert aber die strukturelle Ungerechtigkeit. Die Regeln wurden von der Premier League geschrieben, die von den 20 Mitgliedsklubs kontrolliert wird. Die „Big Six" haben dabei überproportionalen Einfluss. Sie drängten auf PSR, weil es ihrem Geschäftsmodell nützt: geringes Risiko, garantierte Champions-League-Einnahmen und kaum Gefahr von unten.

Zudem sind die Strafen willkürlich. Manchester City stehen 115 Anklagen wegen angeblicher Finanzverstöße über ein Jahrzehnt gegenüber, aber es gab keinen Punktabzug. Die eigenen Regeln der Premier League erlauben Sanktionen von Geldstrafen bis zum Ausschluss, aber der Fall zieht sich hin. Vergleiche das mit Everton, das eine geringe Überschreitung selbst meldete und innerhalb von Monaten einen Abzug kassierte. Die Inkonsistenz deutet darauf hin, dass Klubs mit Elite-Status und juristischer Schlagkraft milder behandelt werden. Das Kartell schützt seine eigenen.

Das Argument „Regeln sind Regeln" ignoriert auch, dass die Regeln regelmäßig geändert werden. 2023 stimmte die Premier League für eine Verschärfung der Regeln zu „Associated Party Transactions" – eine direkte Reaktion auf Newcastles Sponsoring-Deals mit PIF-nahen Unternehmen. Ziel war es, staatsgestützte Klubs daran zu hindern, durch überhöhte Sponsorenverträge die PSR zu umgehen. Diese Regeländerung zielte auf einen bestimmten Wettbewerber und zeigt, dass PSR kein neutraler Finanzkodex ist, sondern eine Waffe zur Erhaltung des Status quo.

Fazit: Everton und Forest sind die Warnrufe

Bis 2027 wird mindestens ein Klub außerhalb der aktuellen „Big Six" direkt wegen eines PSR-Punktabzugs absteigen – nicht wegen sportlicher Leistung. Die Premier League wird dann gezwungen sein, die Regeln zu lockern oder sich rechtlichen Herausforderungen nach Wettbewerbsrecht zu stellen. Meine Prognose: Die Saison 2027/28 wird die Einführung eines „Luxussteuer"-Modells bringen – ähnlich der Competitive Balance Tax in der MLB –, das es Klubs erlaubt, die Verlustgrenze gegen eine Strafzahlung zu überschreiten, die an kleinere Klubs umverteilt wird. Das wird als Kompromiss präsentiert, aber es zementiert den Vorteil der Reichen: Sie zahlen einfach, um mehr ausgeben zu können, während der Rest weiter eingeschränkt bleibt. Das Kartell wird sich anpassen, nicht auflösen.

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