Manchester City Einspruch ist ein Verrat an der Premier League
Manchester City kämpft nicht für Gerechtigkeit. Der Klub kämpft dafür, finanzielle Regeln undurchsetzbar zu machen. Der Einspruch gegen 115 Vorwürfe ist die Erklärung, dass man sich über der Liga sieht, die den Verein erst groß gemacht hat.
Der Aufstieg des Superklubs und das Ende der Verantwortlichkeit
Als Roman Abramowitsch 2003 Chelsea kaufte, revolutionierte er den englischen Fußball mit seinen Milliarden. Doch selbst er bewegte sich in einem System, das, so unvollkommen es war, so etwas wie sportliches Gleichgewicht zu wahren versuchte. Die Abu-Dhabi-Eigentümer von Manchester City, die 2008 übernahmen, kippten dieses Gleichgewicht nicht nur – sie zertrümmerten es mit einer juristischen und finanziellen Strategie, die eine Durchsetzung praktisch unmöglich machen sollte.
Die Profit and Sustainability Rules (PSR) der Premier League wurden eingeführt, um zu verhindern, dass Klubs über ihre Verhältnisse hinaus ausgeben, und um die langfristige Gesundheit der Liga zu schützen. Seit 2018 wird City wegen 115 mutmaßlicher Verstöße untersucht, darunter das Versäumnis, korrekte Finanzinformationen bereitzustellen, und die Nichteinhaltung der Financial-Fairplay-Regeln der UEFA. Der Klub bestreitet alle Vorwürfe, doch sein juristisches Manövrieren – Verzögern, Einlegen von Rechtsmitteln und nun sogar das Anfechten der Zuständigkeit der Liga – spricht lauter als jedes Dementi.
Der Fall gegen City handelt nicht von Neid – sondern von Fairness
Kritiker behaupten, die Vorwürfe seien eine Hexenjagd, ein neidischer Angriff auf den Erfolg. Das ist eine bequeme Legende. Die Vorwürfe beruhen auf geleakten Dokumenten, den sogenannten „Football Leaks“, die nahelegen, dass City Sponsorenverträge aufgebläht hat, um FFP zu umgehen. Die Untersuchung der Premier League soll Investitionen nicht stoppen; sie soll sicherstellen, dass Investitionen echt sind und kein Hütchenspiel.
Sollte City mit seinem Einspruch Erfolg haben, ist die Botschaft eindeutig: Jeder Klub mit genug Geld kann die Regeln brechen und sich anschließend mit teuren Anwälten aus der Affäre klagen. Die Premier League würde zu einem rechtsfreien Raum werden, in dem finanzielle dopingartige Praktiken durch teure Juristen legalisiert werden.
- Präzedenzfall: 2020 sperrte die UEFA City für zwei Jahre aus dem Europapokal wegen FFP-Verstößen, doch der Internationale Sportgerichtshof hob die Sperre aus formalen Gründen auf und nannte die Vorwürfe „verjährt“. City entkam nicht, weil man unschuldig war, sondern weil der UEFA-Fall fehlerhaft war. Die Premier League hat daraus gelernt und einen robusteren Fall aufgebaut.
- Ausmaß: Die 115 Vorwürfe erstrecken sich über neun Spielzeiten. Wenn sie bewiesen werden, stehen sie für die systematischste Missachtung finanzieller Regeln in der Geschichte des englischen Fußballs. Die schiere Menge deutet auf eine Kultur der Umgehung hin, nicht auf isolierte Fehler.
- Auswirkung: Citys Dominanz – sechs Meistertitel in sieben Jahren – wurde auf einem Fundament errichtet, das womöglich grundlegend illegitim ist. Jede Trophäe, die unter einem Verdachtsmoment gewonnen wurde, beschmutzt den Wettbewerb.
Das Gegenargument: „City wird wegen seines Erfolgs ins Visier genommen“
Manche argumentieren, City werde dafür bestraft, zu gut zu sein, und die Regeln sollten die alte Elite schützen. Doch das ignoriert, dass Citys eigener Erfolg auf Ausgaben aufgebaut war, die die Konkurrenz überragten. Als man 2021 Jack Grealish für 100 Millionen Pfund verpflichtete, brach man den britischen Transferrekord – nicht weil man ihn erarbeitet hätte, sondern weil der Reichtum des Eigentümers es erlaubte.
Die Regeln gelten für alle. Everton und Nottingham Forest wurden wegen PSR-Verstößen beide mit Punktabzügen belegt. Wenn City einer Strafe entgeht, kollabiert die Glaubwürdigkeit der Liga. Warum sollen kleinere Klubs leiden, während der größte Klub des Landes davonkommt?
Das Urteil: ein Prozess um die Seele der Premier League
Erling Haalands Schlachtruf vor dem Sonntagsspiel in Liverpool – „stick together“ – richtete sich an seine Mitspieler, doch er könnte ebenso für die Mitgliedsklubs der Premier League gelten. Sie müssen zusammenstehen gegen Citys Versuch, die Governance der Liga zu untergraben. Wenn nicht, verliert die Liga ihre sportliche Integrität und ihre kommerzielle Anziehungskraft.
Meine Prognose: Manchester City wird nicht absteigen, aber in der Mehrheit der Anklagepunkte schuldig gesprochen werden. Die letztlich verhängte Strafe wird eine Rekordgeldstrafe und ein substanzieller Punktabzug sein – genug, um sie für eine Saison aus der Champions League zu halten. Doch der Einspruch wird sich bis 2027 hinziehen und jeden ihrer Auftritte bis dahin überschatten.
Sollte ich mich irren und City käme völlig ungeschoren davon, dann ist die Premier League, wie wir sie kennen, tot. Die einzige verbleibende Frage wäre, welcher Staatsfonds den nächsten Titel kauft.
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