In einer Ära, die von ballbesitzorientierten Innenverteidigern besessen ist, hat die Premier League verlernt, einen richtigen Verteidiger zu schätzen.
James Tarkowski ist nicht modisch. Er schlägt keine 60-Meter-Diagonalbälle genau auf den Fuß des Flügelspielers. Er lässt die Abwehr nicht mit der Eleganz eines Mittelfeldspielers hinter sich. Was er tut: Tore verhindern. Und in dieser Saison macht er das besser als fast jeder andere in der Liga.
Die Zahlen sind klar, aber sie erzählen nur die halbe Wahrheit.
Unter den Innenverteidigern mit über 1500 Minuten liegt Tarkowski in den Kategorien Klärungen pro 90, gewonnene Kopfballduelle und geblockte Schüsse in den Top fünf. Sein Duo mit Jarrad Branthwaite hat Evertons Defensive vom Abstiegskandidaten zu einer Einheit gemacht, die seit November weniger Gegentore kassiert hat als Manchester City und Liverpool. Doch wenn Experten über die besten Verteidiger der Liga diskutieren – van Dijk, Saliba, Dias – fällt Tarkowskis Name nie.
Warum? Weil die moderne Spielanalyse das privilegiert, was ein Verteidiger mit dem Ball macht, statt das, was er ohne Ball tut. Tarkowskis Passquote liegt bei 78 Prozent, deutlich unter den 90+ der elite Ballspieler. Aber das schmutzige Geheimnis: Everton braucht nicht, dass er wie Beckenbauer spielt. Sie brauchen, dass er köpft, Schüsse blockt und eine Abwehrkette organisiert, die in dieser Saison 12 Mal zu Null gespielt hat.
Die Kunst des Verteidigens ist zu einem verlorenen Handwerk geworden, und Tarkowski ist ihr stiller Meister.
Sein Spiel basiert auf den Prinzipien, die die großen Verteidiger der 1990er ausmachten – Tony Adams, Colin Hendry, Gareth Southgate. Voraussicht. Stellungsspiel. Mut. Betrachten wir die Fakten:
- Er hat in dieser Saison 168 Klärungen erzielt, mehr als jeder andere Everton-Spieler und fünftbester der Liga, oft unter Druck in einer tiefen Staffelung.
- Er hat 73 Prozent seiner Kopfballduelle gewonnen, darunter 57 gegen Stürmer, die normalerweise schwächere Innenverteidiger dominieren.
- Er hat 40 Abfänge verzeichnet, oft bevor die Gefahr überhaupt den Strafraum erreicht.
Diese Zahlen sind kein Zufall. Sie spiegeln einen Verteidiger wider, der das Spiel eine Sekunde schneller liest als seine Kollegen. Gegen Chelsea im Dezember machte Tarkowski drei Torlinien-Rettungsaktionen in einem Spiel – diese Art von verzweifelter Verteidigung wurde früher als Heldentat gefeiert, findet heute aber keine Erwähnung mehr in Spielberichten.
Das Gegenargument ist natürlich offensichtlich: Tarkowski kann nicht in einer hohen Kette spielen, und sein Aufbauspiel limitiert Evertons Angriffspotential.
Das stimmt, verfehlt aber den Punkt. Sean Dyches Everton steht tief und saugt Druck auf; Tarkowskis Fähigkeiten sind perfekt auf dieses System zugeschnitten. Ihn für das Fehlen progressiver Pässe à la Virgil van Dijk zu kritisieren, ist, als würde man einem Torwart vorwerfen, keine Tore zu schießen. Der Test eines Verteidigers ist nicht, ob er für Manchester City spielen kann, sondern ob er sein Team besser macht. Tarkowski tut das. Seit seinem ablösefreien Wechsel von Burnley im Jahr 2022 ist Evertons Expected Goals Against pro 90 von 1,65 auf 1,31 gefallen. Das ist die Wirkung eines Mannes.
Das Fazit ist einfach: Tarkowski ist der unterschätzteste Verteidiger der Premier League, und hier ist meine Prognose.
Wenn Everton diese Saison überlebt – und das werden sie, vor allem wegen dieser Abwehr – wird Tarkowski erneut bei individuellen Auszeichnungen übergangen werden. Er wird nicht im England-Kader stehen noch mit einem Top-6-Klub in Verbindung gebracht werden. Aber wenn die Geschichte dieser Everton-Mannschaft geschrieben wird, sollte sein Name neben den größten defensiven Säulen des Vereins stehen. Bis Mai 2024 wird Tarkowski über 200 Klärungen und über 250 gewonnene Kopfballduelle verbucht haben – Zahlen, die Anerkennung verdienen. Die einzige Frage ist, ob es jemand bemerken wird.
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