Evertons Mittelfeld ist das passivste der Premier League
Everton hat kein Defensivproblem. Das Problem liegt im Mittelfeld. Während sich die Experten an Jarrad Branthwaites Tempo nach Rückschlägen und an Jordan Pickfords Paraden abarbeiten, liegt der eklatanteste Fehler von Sean Dyche auf der zentralen Achse: Dort wird der Pass nach vorn wie Schmuggelware behandelt. Evertons Mittelfeld ist ein schwarzes Loch der Rückwärtspässe – kein Fundament für das Spiel.
Der historische Kontext des reaktiven Fußballs
Everton spielt derzeit eine Art Billigversion von Diego Simeones frühem Atlético Madrid – nur ohne den vertikalen Vorwärtsdrang eines Gabi und Tiago. Diese Teams verteidigten tief, doch wenn sie den Ball eroberten, griffen sie zielgerichtet an. Evertons Mittelfeld gewinnt den Ball und schaut sofort nach hinten. Die Rückkehr von Idrissa Gueye sollte Galligkeit bringen; stattdessen brachte sie Querpässe.
Ein Blick auf die Zahlen: In der Saison 2023/24 kam das Trio Gueye, Amadou Onana und James Garner pro 90 Minuten auf weniger progressive Pässe als jede andere nicht abgestiegene Mannschaft. In der Kategorie Pässe ins letzte Drittel lagen sie auf Rang 18, beim Ballbesitz bis ins letzte Drittel auf Rang 19. Das ist kein neues Problem, sondern der Höhepunkt jahrelanger Verpflichtungen von reaktiven Mittelfeldspielern, von denen man Kreativität verlangt. Onana ist inzwischen zu Aston Villa gewechselt, doch sein Nachfolger Tim Iroegbunam ist aus demselben Holz geschnitzt: athletisch, eifrig – und voller Angst vor dem Pass nach vorn.
Die These: Ein Mittelfeld, gebaut zum Verstecken, nicht zum Spielen
Dyches System setzt darauf, dass das Mittelfeld die Abwehr abschirmt, nicht auf Ballvortrag. Gegen Gegner, die hoch anlaufen, kippt Evertons zentrale Achse zu einer Sechserkette zurück, und das einzige Ventil ist ein hoffnungsvoller langer Ball auf Dominic Calvert-Lewin. Das ist Anti-Fußball im reinsten Sinne. Die Statistik untermauert dies.
- Evertons Mittelfeld kam in der Saison 2023/24 auf nur 9,2 progressive Pässe pro 90 Minuten – der zweitniedrigste Wert der Liga. Der Ligadurchschnitt lag bei 14,6.
- Nur Sheffield United und Burnley ließen mehr Schüsse aus zentralen Zonen zu, trotz Evertons beeindruckender Zahl an Zu-null-Spielen. Der Grund: Das Mittelfeld lädt Druck ein, statt ihn zu entlasten.
- Der durchschnittliche Ballbesitz lag bei 39,8 Prozent – doch noch verräterischer: Everton hatte die wenigsten Pässe pro Ballbesitzphase der Liga. Sie halten den Ball nicht, sie werden ihn los.
Das ist nicht nur eine Personalfrage, sondern eine Trainerfrage. Dyches Burnley-Mannschaften waren ähnlich passiv, hatten aber Ashley Westwood und Jack Cork, die zumindest die Geometrie eines Vorwärtspasses verstanden. Evertons Mittelfeld hat keinen solchen Kompass. Gueye ist mit 34 Jahren ein defensiver Schild, kein tief stehender Spielmacher. Garner ist ein Standardspezialist, der sich als zentraler Mittelfeldspieler ausgibt. Iroegbunam ist ein Läufer, kein Passgeber. Das Ergebnis: Evertons Angreifer leben von Brosamen.
Das Gegenargument: Der Klassenerhalt rechtfertigt die Mittel
Die stählerne Verteidigung der Dyche-Befürworter lautet simpel: Everton hat mit minimalem Budget die Klasse gehalten, und die defensive Disziplin des Mittelfelds ist der Grund dafür. Sie verweisen auf Zu-null-Spiele gegen Arsenal, Chelsea und Liverpool. Sie argumentieren, Dyche habe mit einem limitierten Kader das Maximum herausgeholt, indem er Everton schwer zu schlagen machte. Doch das ist ein Trugschluss. Evertons Klassenerhalt basierte auf Pickfords Überperformance und auf fahrlässiger Chancenverwertung der Gegner – nicht auf Mittelfeldkontrolle. Die erwarteten Gegentore (xGA) lagen auf Rang 14, nicht in den Top fünf. Die Zu-null-Spiele waren eine Fata Morgana. Und als Everton am letzten Spieltag ein Tor zum Klassenerhalt brauchte, kreierte das Mittelfeld so gut wie nichts.
Zudem ist die Behauptung, Everton fehle das Personal, fadenscheinig. Man verpflichtete Iroegbunam und Jesper Lindstrøm, doch Letzterer wird als Flügelspieler eingesetzt. Das Mittelfeld wurde vernachlässigt. Mannschaften wie Bournemouth und Crystal Palace zeigen, dass Mittelfeldteams auch mit bescheidenen Mitteln progressiven Fußball spielen können. Evertons Mittelfeld ist kein Opfer der Umstände, sondern Symptom einer Führung, die den Vorwärtspass fürchtet.
Fazit: Evertons Mittelfeld kostet diese Saison den Klassenerhalt
Wenn Dyche nicht von seinem passiven Mittelfeld abrückt und einen echten progressiven Passgeber einbaut, wird Everton erneut in den Abstiegskampf gerissen. Meine konkrete Prognose: Everton beendet die Saison 2024/25 mit weniger als 40 erzielten Toren und landet bei progressiven Pässen pro 90 Minuten in den unteren Drei. Sie überleben nur, wenn Pickford seine Heldentaten wiederholt – doch das ist keine nachhaltige Strategie. Das Mittelfeld ist das Problem, und es wird nicht gelöst.
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