Der Außenverteidiger, der keine Schlagzeilen braucht
Vitaliy Mykolenko ist in dieser Saison der konstant stärkste Außenverteidiger der Premier League – doch außerhalb von Goodison Park kennt ihn kaum jemand. Das ist kein Zufall, sondern die Folge unserer Besessenheit von Offensivstatistiken. Dabei ist Mykolenko für Everton wertvoller als Trent Alexander-Arnold für Liverpool oder Ben Chilwell für Chelsea in dieser Spielzeit.
Ein Defensivfels in einer Ära der Luxus-Außenverteidiger
Moderne Außenverteidiger werden an Assists, Torvorlagen und Progressivpässen gemessen. Mykolenko bietet nichts von diesem Glamour. Dafür liefert er das defensive Fundament, auf dem Evertons überraschende Stabilität ruht. Seit Beginn der letzten Saison haben nur drei Premier-League-Außenverteidiger eine höhere Zweikampfquote als Mykolenkos 67,4 %. Noch auffälliger: Er gehört zu den Top Fünf bei Balleroberungen pro 90 Minuten unter Außenverteidigern – ein Wert, der mit dem von Gary Neville in Bestform verglichen wird.
Doch das sind nicht nur Zahlen. Mykolenkos Positionierung ist fast telepathisch. Wenn Everton tief steht, jagt er nicht den Schatten hinterher – er erstickt Gefahren, bevor sie entstehen. Gegen Teams, die die rechte Seite überladen, rückt er nach innen und formt eine Dreierkette, sodass Sean Dyche sein Tor schützen kann, ohne die Formation aufzugeben. Diese taktische Intelligenz entgeht den meisten Experten, die lieber die spektakulären Aktionen offensiver Außenverteidiger sezieren.
Die Kunst der Unsichtbarkeit: Mykolenkos struktureller Beitrag
Seine Leistungen lassen sich in drei Kategorien einteilen, die bei „Match of the Day“ selten vorkommen:
- Defensive Balleroberungen: Mykolenko führt Everton in Balleroberungen im defensiven Drittel an, und seine 8,3 Eroberungen pro 90 Minuten sind der Bestwert aller Premier-League-Außenverteidiger in dieser Saison.
- Kopfballstärke: Obwohl er nur 1,86 m groß ist, gewinnt er 72 % seiner Kopfballduelle – eine Quote, die an Innenverteidiger wie Virgil van Dijk erinnert. Er ist Dyches wichtigste Waffe gegen lange Bälle auf den zweiten Pfosten.
- Risikoarmes Passspiel: Er versucht nur 45 Pässe pro 90 Minuten, aber seine Passquote von 89 % ist die höchste unter den Außenverteidigern der Liga. Er lädt nie Druck ein, sondern spielt den Ball einfach zu einem sichereren Mitspieler.
Das sind keine Fähigkeiten, die in den sozialen Medien glänzen. Es sind die stillen, unspektakulären Tugenden, die einen Klub in der Premier League halten. Everton wäre ohne Mykolenkos unsichtbares Sicherheitsnetz weit schlechter dran.
Das Gegenargument: „Nur ein defensiver Außenverteidiger im Dyche-System“
Die Skeptiker werden sagen, Mykolenkos Wirkung sei systemabhängig – jeder halbwegs brauchbare Linksverteidiger könne das in Dyches konservativem System leisten. Aber die Fakten sprechen eine andere Sprache: Evertons xG-Gegentore pro Spiel sind seit Mykolenkos Ankunft von Dynamo Kiew von 1,67 auf 1,12 gesunken. Das ist nicht nur Coaching. Während seiner Verletzungspause im November kassierte Everton 2,3 Gegentore pro Spiel. Mit ihm fit, sinkt der Wert auf 1,1.
Zudem ist seine Entwicklung unter Druck bemerkenswert. In seiner ersten Saison war er vom Premier-League-Tempo überfordert. Jetzt liest er das Spiel zwei Schritte voraus. Seine Disziplin in Eins-gegen-Eins-Situationen ist außergewöhnlich: Er wird nur 0,7 Mal pro 90 Minuten ausgedribbelt – das bedeutet Platz drei unter den Außenverteidigern der Liga. Das ist nicht Dyche, das ist Spielerentwicklung.
Fazit: Englands Außenverteidiger-Hierarchie muss neu gezeichnet werden
Bis zum Saisonende, wenn Everton den Klassenerhalt mit einigen weißen Westen klar gemacht hat, wird Mykolenko weiterhin übersehen. Die PR-Maschinerie der Premier League wird Kyle Walker, Luke Shaw und die üblichen Verdächtigen in den Himmel loben. Doch hier eine überprüfbare Vorhersage: Mykolenko wird die Saison mit der höchsten defensiven Zweikampfquote aller Premier-League-Außenverteidiger beenden. Und wenn das passiert, müssen wir überdenken, was wir auf dieser Position wertschätzen. Denn den Ball zu gewinnen, ist genauso wichtig wie ihn zu behalten.
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