VAR hat Torjubel zu einem Glaubensakt gemacht

Als Luis Díaz im vergangenen September im Tottenham Hotspur-Stadion jubelnd davonlief, wusste er noch nicht, dass sein Tor aufgrund eines schwerwiegenden Fehlers annulliert werden würde – eines Fehlers, der so schwerwiegend war, dass die Veröffentlichung von Audioaufnahmen und eine öffentliche Entschuldigung der PGMOL nötig wurden. Doch die unbequeme Wahrheit ist: Diese Entschuldigung hat nichts geändert. Das System bleibt kaputt, nicht wegen der Technologie, sondern aufgrund einer ängstlichen institutionellen Haltung, die den Prozess über die Gerechtigkeit stellt.

Der Trugschluss des „klaren und offensichtlichen" Fehlers

Die Premier League klammert sich an die „Clear and Obvious"-Schwelle, als sei sie eine heilige Schrift. Doch das eigentliche Problem ist, dass die VAR-Offiziellen durch sie gelähmt sind. Sie greifen nur bei den krassesten Fehlern ein und ignorieren knappe Entscheidungen, die den Spielverlauf maßgeblich beeinflussen. Das Ergebnis ist eine hybride Realität, in der die Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Feld als Filter dafür dient, was der VAR umstoßen darf – unabhängig von der objektiven Wahrheit.

Das war nicht die Absicht bei der Einführung des VAR. Das Versprechen war minimale Einmischung, maximale Genauigkeit. Bekommen haben wir ein interventionistisches System, das selten richtig eingreift. Der Díaz-Vorfall war kein isolierter Fehler – er war ein Symptom für ein Protokoll, das Zögern belohnt und Entschlossenheit bestraft.

Die Angstkultur der Premier League

Das Übel sitzt tiefer als ein einzelner Fehler. VAR-Offizielle arbeiten heute unter einer Wolke der Angst – Angst, die Entscheidung eines Kollegen zu korrigieren, Angst, im Live-Fernsehen dumm dazustehen, Angst vor dem Gegenwind, der jedem Einsatz der Technologie unweigerlich folgt. Das hat eine Schiedsrichterkultur geschaffen, die es vorzieht, Kontroversen zu vermeiden, statt richtige Entscheidungen zu treffen.

  • Bei der WM 2022 griff der VAR bei 19 % der Spiele ein; in der Premier League waren es in der letzten Saison 11 % – trotz ähnlicher Fehlerraten.
  • Der durchschnittliche VAR-Check in der Premier League dauert 52 Sekunden, verglichen mit 38 Sekunden in der Serie A, wo ein leichterer Ansatz und klarere Richtlinien vorherrschen.
  • Seit 2019 hat die Premier League die höchste Rate an „Referee's Call"-Entscheidungen aller europäischen Top-Ligen – ein Euphemismus dafür, Verantwortung zu umgehen.

Die Statistiken zeigen eine Liga, die ihre Pflicht aufgegeben hat, die wichtigen Entscheidungen richtig zu treffen. Das Problem ist nicht die Technologie; es sind die Menschen und Protokolle, die sie steuern.

Plädoyer für eine radikale Reform

Die Verteidiger des derzeitigen Systems werden argumentieren, dass der VAR noch jung ist und Kinderkrankheiten unvermeidlich sind. Sie werden auf erfolgreiche Interventionen verweisen, wie die Korrektur von Abseitstoren und die Erkennung von Tätlichkeiten, die den Schiedsrichtern entgangen sind. Aber das sind die grundlegenden Funktionen, die jedes kompetente System erfüllen sollte. Die Messlatte wurde absurd niedrig angesetzt.

Komplexere Gegenargumente, wie die von Ex-Schiedsrichter Howard Webb, behaupten, dass eine höhere Eingriffsschwelle den Spielfluss bewahrt. Aber welcher Spielfluss bleibt erhalten, wenn jedem Tor eine nervenaufreibende Wartezeit auf eine Entscheidung folgt? Der Sport hat seine Spontaneität bereits verloren; wir könnten ebenso gut die Genauigkeit zurückgewinnen. Die Premier League sollte das Modell des TMO im Rugby Union übernehmen: unabhängige Überprüfung, kein „Referee's Call"-Sicherheitsnetz und offene Kommunikation zwischen den Offiziellen, die live ins Stadion übertragen wird.

Eine konkrete Prognose: Die nächste VAR-Krise wird Reformen erzwingen

Der derzeitige Waffenstillstand kann nicht halten. Bis April 2025 wird eine einzige VAR-Entscheidung über einen Champions-League-Platz oder den Abstieg entscheiden und öffentliche Empörung auslösen, die die Premier League zu einer Überholung des Protokolls zwingt. Insbesondere prognostizieren, dass die Premier League innerhalb von 18 Monaten ein System einführen wird, bei dem alle Vorfälle im Strafraum automatisch von einem dedizierten VAR-Offiziellen überprüft werden, der die gleiche Autorität wie der Schiedsrichter auf dem Feld hat – nicht ein untergebener Kollege, der Angst hat, seinen Vorgesetzten zu überstimmen.

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