VAR verbessert nicht die Abseitsentscheidungen – es erfindet eine neue Sportart

Jedes Wochenende wird ein Tor aberkannt, weil die Kniescheibe oder Achselhöhle eines Stürmers Millimeter vor der Ferse eines Verteidigers liegt – in einem Standbild, das ein Techniker in Stockley Park auswählt. Das ist nicht Präzision. Das ist eine Farce, die die Fußballregeln neu schreibt.

Vor VAR war Abseits eine Frage des Ermessens

150 Jahre lang entschied der Assistent, ob ein Spieler im Abseits stand. Die Regel war klar: Ein Spieler steht im Abseits, wenn ein Teil von Kopf, Körper oder Füßen näher an der gegnerischen Torlinie ist als Ball und vorletzter Gegenspieler. Das Schlüsselwort ist „näher“ – nicht „ein Zeh voraus“. Der Geist der Regel war, dass ein klarer Vorteil erkennbar sein musste. In der Saison 2019/20, vor dem Lockdown, wurden nur 12 Tore wegen Abseits via VAR aberkannt. In der letzten Saison stieg die Zahl auf 37. Das Spiel hat sich nicht geändert. Die Technik schon.

Die Daten der Premier League zeigen, dass die durchschnittliche Zeit für eine Abseitsüberprüfung von 31 Sekunden im Jahr 2020 auf heute 78 Sekunden gestiegen ist. Das ist keine Effizienz, sondern bürokratische Lähmung.

Die Standbild-Falle: Warum das Anhalten der Zeit falsch ist

Das Kernproblem ist das Standbild, das für die Abseitsentscheidung ausgewählt wird. Der VAR wählt den exakten Moment, in dem der Ball gespielt wird – aber dieser Moment ist nicht ein einziges Bild. Der Ball bewegt sich zwischen den Bildern um mehrere Zentimeter, so dass die Wahl des Bildes darüber entscheidet, ob ein Tor zählt. Eine Studie der Universität Bath aus dem Jahr 2023 ergab, dass sich der Ball bei 30 Bildern pro Sekunde bis zu 15 cm zwischen zwei Bildern bewegen kann. Der angebliche Toleranzbereich für Abseitsentscheidungen liegt bei 5 cm. Das System ist also grundlegend fehlerhaft.

  • Beim 5:1-Sieg des FC Liverpool gegen Chelsea im August wurde ein Tor von Mohamed Salah aberkannt, weil seine Ferse im Abseits war. Wiederholungen zeigten, dass der Pass den Fuß des Passgebers in verschiedenen Winkeln zu unterschiedlichen Zeitpunkten verließ.
  • Im Nord-London-Derby im September wurde Gabriel Jesus ein Tor aberkannt, weil seine Schulter im Abseits war – doch das gewählte Standbild zeigte den Ball noch am Fuß des Passgebers, nicht nachdem er sich bewegt hatte.
  • In einem Spiel im Januar wurde Alexander Isak von Newcastle ein Tor aberkannt, weil sein großer Zeh vor dem letzten Verteidiger war. Der Assistent hatte die Fahne unten gelassen.

Das sind keine Fehler. Sie sind die logische Konsequenz eines Systems, das 30 Bilder pro Sekunde als absolute Wahrheit behandelt.

Die Verteidigung: „Es ist die Regel, gewöhnt euch dran“

Befürworter argumentieren, die Regel sei klar und VAR wende sie nur konsequent an. „Wenn die Achselhöhle im Abseits ist, ist es Abseits“, sagen sie. Aber das verfehlt den Punkt: Die Regel war nie für millimetergenaue Entscheidungen gedacht. Die ursprüngliche Regel sprach von „näher“ – nicht von „irgendein Körperteil außer Händen und Armen“. Die Klarstellung von 1990 besagte „jeder Teil von Kopf, Körper oder Füßen“ – wiederum nicht die Achselhöhle. Die Vorstellung, dass ein Spieler einen Vorteil daraus zieht, dass seine Schulter vor der Hüfte eines Verteidigers ist, ist absurd. Fußball ist ein Spiel der Bewegung, nicht der statischen Geometrie.

Zudem besagen die eigenen Richtlinien der Premier League: „Wenn zwei Spieler auf gleicher Höhe sind, ist der Angreifer im Spiel.“ Doch das Konzept der „gleichen Höhe“ wurde aufgegeben. In der Saison 2019/20 wies die Liga die VARs an, „Tageslicht“ – einen Abstand zwischen Angreifer und Verteidiger – zu verwenden, um dem Angreifer den Zweifel zu geben. Das wurde 2021 gestrichen. Die Folge? Ein Anstieg der Abseitsentscheidungen um 300%. Das ist keine Interpretation, sondern eine als Technik getarnte Regeländerung.

Das Urteil: Semi-automatisiertes Abseits ist nicht die Lösung

Die Premier League wird 2025 semi-automatisierte Abseitstechnologie einführen, mit 12 Kameras und Gliedmaßen-Tracking. Das wird die Wartezeit verkürzen, aber das Problem der Bildauswahl nicht beheben. Das System wird immer noch einen Menschen brauchen, der auf „Start“ drückt, wenn der Ball getreten wird. Und dieser Moment ist subjektiv. Das automatisierte System wird die Inkonsistenz nur beschleunigen. Ich prophezeie, dass in der ersten Saison mit semi-automatisiertem Abseits mindestens 20 Tore fälschlicherweise aberkannt werden – und die Liga wird sich weigern, die vollständigen Daten zu veröffentlichen. Die Technik wird zum Schutzschild, nicht zum Skalpell. Die Premier League wird sich entscheiden müssen: eine Fehlertoleranz akzeptieren oder weiter so tun, als ob Millimeter Fairness bedeuten. Sie werden die Lüge wählen.

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