Leeds Uniteds Pressing ist eine statistische Illusion, die eine tödliche Schwäche verbirgt
Kein Team in der Premier League erobert häufiger den Ball im letzten Drittel als Leeds United – und kein Team kassiert mehr Gegentore aus genau diesen Situationen. Die Zahlen lügen nicht: Daniel Farkes Mannschaft führt die Liga bei hohen Ballgewinnen an, liegt aber am Ende der Tabelle, wenn es darum geht, diese Momente in Tore umzumünzen. Das ist kein Pech, sondern ein taktisches Paradoxon, das das gesamte Projekt zu gefährden droht.
Warum Pressing allein eine Mannschaft nicht rettet, die kein Spielaufbau beherrscht
Seit Marcelo Bielsas Abgang hat Leeds versucht, seine energetische Identität zu bewahren, aber mehr Kontrolle hinzuzufügen. Doch die Kontrolle blieb aus. Unter Farke hat Leeds durchschnittlich 52 Prozent Ballbesitz – respektabel für eine Mannschaft im Mittelfeld – doch die Passquote in der eigenen Hälfte beträgt magere 82 Prozent, der drittschlechteste Wert der Liga. Im Vergleich dazu: Brighton bringt 92 Prozent der Pässe in der eigenen Hälfte an und verliert den Ball selten in gefährlichen Zonen. Leeds' Problem ist nicht, dass sie schlecht pressen, sondern dass der Gegner nach einem missglückten Pressing einfach die erste Linie überspielt und den freien Raum nutzt, den Leeds hinterlässt.
Die Daten der ersten Saisonhälfte sind vernichtend. Leeds hat elf Gegentore nach hohen Ballgewinnen kassiert – die meisten in der Liga. Sechs davon fielen in Spielen, in denen sie mehr als 55 Prozent Ballbesitz hatten. Das Muster ist stets dasselbe: Leeds presst, erobert den Ball, verliert ihn schnell und sieht dann zu, wie der Gegner in die riesigen Räume stößt, die ihre aufgerückten Außenverteidiger und Mittelfeldspieler hinterlassen. Das ist kein neues Problem. Selbst Bielsas großartige Mannschaft 2020/21 kassierte vier Gegentore nach hohen Ballgewinnen, erzielte aber 14 Tore aus denselben Situationen. Dieses Jahr hat Leeds aus hohem Pressing gerade einmal drei Tore erzielt.
Das strukturelle Versagen, das ihre Inkonsistenz erklärt
Die Ursache liegt im Missverhältnis zwischen Personal und System. Farke will von hinten heraus spielen, aber seinen Innenverteidigern – insbesondere Pascal Struijk und Joe Rodon – fehlt die Nervenstärke unter Druck, die das System erfordert. Wenn Gegner sie pressen, geraten sie in Panik. Ihre durchschnittliche Passlänge unter Druck beträgt 24 Meter, der höchste Wert der Liga, und die Passquote sinkt auf 64 Prozent. Das Mittelfeld um Ilia Gruev bietet zu wenige kurze Anspielstationen. Und die Stürmer sind zwar energetisch, aber nicht kaltschnäuzig genug, um das hohe Pressing zu belohnen.
- Beispiel 1: Gegen Brighton im Oktober eroberte Leeds 19 Mal den Ball im letzten Drittel – mehr als jede andere Mannschaft gegen Brighton in dieser Saison. Endergebnis: Brighton 3:1 Leeds. Jedes Brighton-Tor resultierte aus einem Ballverlust von Leeds im Mittelfeld.
- Beispiel 2: Die 0:2-Niederlage gegen Everton im November brachte Leeds allein in der ersten Halbzeit 15 hohe Ballgewinne. Bis zur 70. Minute kassierten sie zwei Gegentore im Konter, wobei Evertons Angriffe nach einem Ballgewinn im Schnitt nur elf Sekunden dauerten.
- Beispiel 3: Gegen Burnley im Dezember verzeichnete Leeds mit 23 Ballgewinnen im letzten Drittel einen Saisonhöchstwert. Sie verloren 1:0. Das Burnley-Tor war die direkte Folge eines Fehlpasses von Struijk nach einer Eckenabwehr.
Das Gegenargument: Leeds presst, weil es muss – und hält sich so im Spiel
Kritiker werden einwenden, dass Leeds' hohes Pressing eine bewusste Strategie ist, um die fehlende individuelle Klasse zu kompensieren. Ohne Pressing würden sie tief stehen und Druck einladen, was zu noch mehr Gegentoren führen würde. Und tatsächlich: Sobald Leeds ins Mittelfeldpressing geht, sehen sie noch schlechter aus: Der erwartete Gegentorwert pro 90 Minuten steigt von 1,4 in Hochdruckphasen auf 2,1 in tiefen Phasen. Das Pressing ist also keine Option, sondern eine Notwendigkeit, die aus defensiven Schwächen geboren wurde.
Doch dieses Argument verfehlt den Kern. Es geht nicht darum, ob Leeds pressen sollte, sondern wie. Ihr aktueller Ansatz ist binär: volle Pulle ohne Nuancen. Elite-Pressing-Mannschaften – denken Sie an Liverpool unter Klopp oder Arsenal unter Arteta – haben einen Plan, was passiert, wenn das Pressing durchbrochen wird. Sie haben eine zweite Absicherung, eine Methode, den Konter zu verlangsamen, und eine Taktik, in Schlüsselzonen zu foulen, statt freie Konter zuzulassen. Leeds hat das nicht. Ihre Foulquote in Umschaltmomenten ist die zweitniedrigste der Liga, was bedeutet, dass sie den Gegner ungehindert beschleunigen lassen. Das ist keine taktische Entscheidung, sondern ein Mangel an Coaching-Detailarbeit.
Fazit: Farke muss zwischen Identität und Klassenerhalt wählen
Wenn Leeds bis Februar 2025 keinen ballsicheren Innenverteidiger verpflichtet und die Defensivstrategie variiert, werden sie bis Saisonende mehr als 20 Gegentore nach hohen Ballgewinnen kassieren – ein Liga-Rekord. Die Buchmacher sehen sie bei 5:1 für den Abstieg, aber diese Quoten werden sich verkürzen, wenn Farke nicht beweist, dass er anpassungsfähig ist. Meine Prognose: Leeds wird 14., aber nur, weil sie das Pressing in den letzten 15 Minuten aufgeben werden – eine Änderung aus Verzweiflung, nicht aus Überzeugung. Wenn sie es nicht tun, werden sie die unterhaltsamste Mannschaft sein, die seit Jahren absteigt.
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