Everton ist nicht geheilt – es versteckt sich nur
Sean Dyche hat an der Goodison Park ein kleines Wunder vollbracht und einen klub, der am Tropf hing, zwei Saisons in Folge in der Premier League gehalten. Doch Wunder währen nicht ewig. Das Interesse an Newcastle-Star Jacob Murphy – ein Flügelspieler mit vier Ligatoren in zwei Spielzeiten – ist kein Lückenfüller, sondern ein Geständnis. Evertons Angriff ist nicht nur schwach, er ist strukturell kaputt. Murphy wäre ein Pflaster auf einer Schusswunde.
Das Mittelfeld-Loch, das die Stürmer aushungert
Defensiv kassiert Everton nur 1,2 Gegentore pro Spiel – ein respektabler Mittelklasse-Wert. Offensiv erzielt das Team im Schnitt 1,0 Tore – Platz 15. Doch das Übel sitzt tiefer: Everton liegt auf Platz 19 bei progressiven Pässen pro 90 Minuten und auf Platz 18 bei Pässen in den Strafraum. Das Mittelfeld-Trio – oft Idrissa Gueye, James Garner und Abdoulaye Doucouré – kreiert so gut wie nichts. Gueye ist ein defensiver Abschirmspieler, Garner ein Recycler, Doucouré ein Nachrücker, der selten bedient wird.
Zum Vergleich: Ein funktionierender Mittelfeldklub wie Crystal Palace unter Oliver Glasner kommt auf durchschnittlich 3,2 Schlüsselpässe pro Spiel aus dem Mittelfeld (Eberechi Eze und Adam Wharton). Evertons gesamtes Mittelfeld bringt es auf 1,9. Die Folge: Dominic Calvert-Lewin, ein Stürmer, der von Flanken und Steckpässen lebt, bekommt nur 2,1 Ballkontakte im gegnerischen Strafraum pro Spiel – weniger als Nottingham Forests Chris Wood (3,4) und Brentfords Yoane Wissa (4,0).
Warum Jacob Murphy ein Symptom, keine Lösung ist
Murphy ist ein fleißiger, direkter Flügelspieler – aber kein Kreativer. In den letzten zwei Saisons bei Newcastle verbuchte er 0,9 Schlüsselpässe pro 90 und insgesamt zwei Großchancen. Evertons aktuelle Außen – Dwight McNeil (1,5 Schlüsselpässe pro 90) und Jack Harrison (1,1) – bieten ähnlich viel oder mehr. Das Interesse an Murphy zeigt: Dyche und die Scouting-Abteilung glauben, das Problem sei das Personal, nicht das System. Ein gefährlicher Irrglaube.
- Quantität statt Qualität bei Flanken: Everton ist Fünfter bei Flanken pro Spiel (21,3), aber 18. bei der Flankengenauigkeit (24%). Murphy flankt 3,1 Mal pro 90 mit 26% Genauigkeit – mehr vom Gleichen.
- Ineffizientes Dribbling: Murphy schafft 0,8 erfolgreiche Dribblings pro 90, ähnlich wie Harrison (0,7). Keiner von beiden überwindet Verteidiger konsequent.
- Endprodukt: In 89 Premier-League-Einsätzen für Newcastle erzielte Murphy 7 Tore und gab 3 Vorlagen. Auf 38 Spiele hochgerechnet: 3 Tore und 1 Vorlage. Kein Gamechanger.
Das eigentliche Problem: Evertons Angriffsmuster sind vorhersehbar und langsam. Dyche setzt auf frühe Flanken aus der Tiefe, doch Calvert-Lewin ist oft zwei Innenverteidigern unterlegen. Ein kreatives Mittelfeld fehlt, um den Ball zu wenden oder Steckpässe zu spielen. Murphy zu holen, ist wie einen schnelleren Postboten einzustellen, wenn das Postsystem kaputt ist.
Das Gegenargument: Dyches Stil hat früher funktioniert
Dyche-Verteidiger verweisen auf die Saison 2017/18 bei Burnley, als Ashley Barnes und Chris Wood aus Flanken 19 Tore erzielten. Sie argumentieren, Evertons Defensive sei zu anfällig für ein offeneres Mittelfeld. Ein berechtigter Einwand – doch die Premier League hat sich weiterentwickelt. Die Topteams pressen in Gruppen und blocken Flankenzonen. Evertons Flanken sind keine Waffe mehr, sondern eine Ballverlustmaschine. Seit letzter Saison hat nur Sheffield United mehr Bälle durch Flanken verloren als Everton (287).
Zudem verfügte Burnleys Mittelfeld mit Steven Defour und Jack Cork über Passgeber, die das Spiel verlagern und die Abwehr auseinanderziehen konnten. Evertons aktuelles Mittelfeld hat diese Reichweite nicht. Gueyes Passquote liegt bei 84%, aber er spielt selten nach vorne; Garners lange Pässe sind durchschnittlich; Doucourés erste Ballberührung killt oft Angriffe. Ohne eine technische Verstärkung im Zentrum hätte selbst ein Eden Hazard in Bestform Probleme.
Die einzige Lösung: strukturelle Veränderung
Everton muss aufhören, eckige Pflöcke in runde Löcher zu stecken. Es braucht einen kreativen Mittelfeldspieler, der zwischen den Linien agiert und Linien durchbrechende Pässe spielt. Die Gerüchte um Jacob Murphy deuten auf ein fortgesetztes Festhalten an Flügelspiel hin, was die Krise nur vertiefen wird. Eine konkrete Vorhersage: Wenn Everton Murphy verpflichtet, aber keinen kreativen Mittelfeldspieler holt, wird der Klub nächste Saison 17. oder schlechter, und Calvert-Lewin erzielt weniger als zehn Ligatore. Das Krebsgeschwür sitzt im Mittelfeld, und Murphy ist kein Heilmittel.
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