Die große Hebelwirkung des englischen Fußballs

Als Tottenham Hotspur 2019 ihr Stadion für 1 Mrd. Pfund eröffneten, bauten sie nicht nur eine Arena – sie schufen sich ein Schlupfloch aus dem Financial Fair Play. Die Gewinn- und Nachhaltigkeitsregeln der Premier League sollen eigentlich unkontrollierte Ausgaben zügeln, aber sie sind zu einem Freibrief geworden, Schulden als operative Einnahmen umzustrukturieren.

Wie die Regeln zum Gummistempel wurden

Die Schwachstelle des FFP liegt in der Definition von "erlaubten Verlusten". Klubs dürfen über drei Jahre 105 Mio. Pfund verlieren, aber Investitionen in Infrastruktur – Stadien, Trainingsgelände, Frauenmannschaften – sind ausgenommen. Das schafft einen perversen Anreiz: Milliarden leihen, um zu bauen, und dann die daraus resultierenden Einnahmen nutzen, um riesige Spielerausgaben zu rechtfertigen. Tottenhams Stadion generiert jährlich über 100 Mio. Pfund Matchday-Einnahmen, trotzdem wies der Klub 2022/23 einen Vorsteuerverlust von 64 Mio. Pfund aus. Die Verluste werden durch Abschreibungspläne kaschiert, die die Schuldenzahlungen über Jahrzehnte strecken.

Manchester Citys Etihad Campus ist das Paradebeispiel. Der Klub gab 200 Mio. Pfund für ein Trainingszentrum aus und nutzte dann Verbindungen nach Abu Dhabi, um Namensrechte-Deals abzuschließen, die die kommerziellen Einnahmen künstlich aufblähten. Als die UEFA City 2020 wegen FFP-Verstößen untersuchte, argumentierte City, dass ihre Sponsoringeinnahmen "angemessen" seien – eine Verteidigung, die erst nach dem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs zusammenbrach, der "verdeckte Eigenkapitaleinlagen" feststellte. Dennoch bleibt der Präzedenzfall: Klubs können ausgeben, was sie wollen, wenn sie die Bewertung ihrer eigenen Vermögenswerte kontrollieren.

Die Arsenal- und Chelsea-Modelle: Unterschiedliche Wege, gleiches Ziel

Arsenals 390 Mio. Pfund Stadionschulden aus dem Jahr 2006 erzwangen ein Jahrzehnt der Austerität unter Arsène Wenger. Doch heute spült die Emirates jährlich über 100 Mio. Pfund ein. Arsenal gibt jetzt frei aus, aber die Bilanzen zeigen "erlaubte" Verluste dank Immobilienentwicklung rund um das Stadion und Spielerverkäufen wie den 72 Mio. Pfund für Pierre-Emerick Aubameyang 2022. Die Nettoschulden von 220 Mio. Pfund werden durch die Matchday-Einnahmen bei weitem aufgewogen – das erlaubt Mikel Arteta, in zwei Jahren 200 Mio. Pfund auszugeben, ohne FFP-Sanktionen.

  • Manchester City verwandelte eine 1-Milliarden-Infrastrukturrechnung in einen 500-Millionen-kommerziellen Vorteil durch nahestehende Deals mit Etihad und der Abu Dhabi United Group.
  • Tottenhams Stadionschulden von 850 Mio. Pfund wurden 2023 zu einem niedrigeren Zinssatz refinanziert, was Spielraum im FFP für 100 Mio. Pfund an Spielertransfers schuf.
  • Chelseas 1,5-Milliarden-Ausgaben unter Todd Boehly waren nur möglich, weil der Klub die Kosten der Verträge über acht Jahre abschrieb – eine Lücke, die die UEFA nun mit einer neuen Fünfjahresgrenze geschlossen hat.

Das Gegenargument: Infrastruktur ist kein Schlupfloch

Klub-Buchhalter werden argumentieren, dass Stadien echte Investitionen sind, die langfristige Einnahmen generieren. Spurs' Matchday-Einnahmen stiegen von 19 Mio. Pfund im White Hart Lane auf 106 Mio. Pfund im neuen Stadion. Diese zusätzlichen 87 Mio. Pfund pro Saison sind echtes Geld – kein Buchhaltungstrick. Würde FFP Stadionausgaben bestrafen, wären Klubs in veralteten Arenen gefangen und könnten nicht mit staatlich gestützten Rivalen konkurrieren. Dieses Argument ist schlüssig, bis man die Schuldenstrukturen betrachtet: Tottenhams 850-Millionen-Kredit war gegen zukünftige Ticketeinnahmen gesichert – eine Wette darauf, dass die Blase der TV-Rechte nie platzt. Ein Rückgang der Rechte und das ganze Kartenhaus stürzt zusammen.

Fazit: FFP ist zu einem Ponzi-Schema geworden

Bis 2027 werden mindestens drei Premier-League-Klubs die FFP-Grenzen reißen, weil sie ihre Stadioneinnahmen überschätzt haben. Evertons neues Stadion am Bramley-Moore Dock, das 760 Mio. Pfund kostet, wird die Matchday-Einnahmen um 60 Mio. Pfund steigern – aber der Klub hat bereits 371 Mio. Pfund in drei Jahren verloren. Das Überleben des Klubs hängt davon ab, dass die TV-Rechte der Premier League weiterhin um 5 % pro Jahr steigen. Diese Wette ist nicht sicherer als die, die Bury und Macclesfield in den Ruin trieben. Die nächste Finanzkrise im englischen Fußball kommt nicht von einem verrückten Besitzer, der riesige Schecks ausstellt. Sie kommt von den Schuldenmärkten, die entdecken, dass Stadien keine gewinnbringenden Vermögenswerte sind – sondern teure Kathedralen des Ehrgeizes, die ewiges Wachstum fordern.

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