Der Mythos vom fairen Wettbewerb

Die Profit- und Nachhaltigkeitsregeln der Premier League sollten für mehr Gleichheit sorgen. In der Praxis sind sie ein Keul für die Elite und eine Schlinge für den Rest. Zwei Vereine wurden in dieser Saison mit Punktabzügen belegt; keiner von ihnen stand in der oberen Tabellenhälfte. Die 115 Anklagen gegen Manchester City verstauben, während kleinere Klubs um ihre Saison gebracht werden.

Everton und Forest: Die Abschreckungsbeispiele

Evertons erster Abzug – 10 Punkte, später auf sechs reduziert – erfolgte wegen Verlusten von 124,5 Millionen Pfund in drei Jahren. Nottingham Forest verlor 67,8 Millionen in vier Jahren und kassierte vier Punkte Abzug. Beide Klubs haben zu viel ausgegeben, ja. Aber der Kontext: Everton baut ein neues Stadion am Bramley-Moore Dock, ein 500-Millionen-Projekt, das die Einnahmen transformieren wird. Forest pokerte nach dem Aufstieg, um die Klasse zu halten. Die Regeln bestrafen Ambitionen, wenn kein Sicherheitsnetz da ist.

Zum Vergleich: Chelseas Milliarden-Einkaufstour unter Todd Boehly. Der Klub amortisierte Verträge über acht Jahre, um FFP zu umgehen. Die UEFA schloss die Lücke; die Premier League tat es nicht. Chelsea droht kein Punktabzug. Währenddessen sind ManCitys 115 Anklagen – mutmaßliche finanzielle Falschdarstellungen über neun Jahre – nach Jahren der Ermittlungen immer noch ungelöst. Der Premier-League-Chef Richard Masters gab zu, dass der Fall noch 'weit weg' sei. Wie weit? Weit genug, damit City weitere Titel holt.

Der Eigentümer-Vorteil: Staatsgeld gegen Eigenwirtschaft

Drei Wege, wie das System die Etablierten begünstigt:

  • Einnahmen-Ungleichheit: Manchester Uniteds kommerzielle Erlöse – 302 Mio. Pfund 2022/23 – übertreffen Evertons 48 Mio. bei weitem. FFP erlaubt Verluste von 105 Mio. in drei Jahren, aber diese Grenze ist relativ. Ein Klub mit 500 Mio. Umsatz kann 105 Mio. Verlust verkraften; ein Klub mit 150 Mio. nicht. Die Regeln binden Ausgaben an Einnahmen und zementieren so den Abstand.
  • Infrastruktur-Schlupfloch: Ausgaben für Stadien, Jugendakademien und Frauenfußball sind von FFP-Berechnungen ausgenommen. Ein Klub wie Everton, der ein neues Stadion baut, muss daher an anderer Stelle sparen. Unterdessen können ManCitys staatlich gestützte Eigentümer ohne Strafe in Infrastruktur investieren – der Etihad Campus ist ein 200-Millionen-Asset, das aus FFP herausfällt.
  • Prozesskosten-Budget: Citys Anwaltsteam unter Lord Pannick KC kostet Millionen. Forest und Everton hatten weit weniger Mittel. Die Komplexität von FFP bedeutet, dass Klubs mit tiefen Taschen über Auslegungen streiten können; andere müssen die Strafe akzeptieren.

Das Gegenargument: Regeln müssen durchgesetzt werden

Befürworter des aktuellen Systems argumentieren, dass Regeln Regeln sind. Everton und Forest haben sie gebrochen; sie müssen bestraft werden. Die Premier League kann nicht den Eindruck erwecken, Überausgaben zu tolerieren. Das ist nachvollziehbar. Aber selektive Durchsetzung ist schlimmer als gar keine. Wenn Citys Fall verhandelt wird – falls überhaupt –, wären die potenziellen Strafen bisher ungesehen. Doch die Liga lässt Jahre vergehen, während kleinere Klubs innerhalb von Monaten bestraft werden.

Es stellt sich auch die Frage nach den Regeln selbst. FFP wurde eingeführt, um Vereine vor der Pleite zu schützen. Jetzt dient es dazu, den Status quo zu bewahren. Die reichsten Klubs generieren mehr Einnahmen, also können sie mehr ausgeben. Der Mechanismus fördert nicht mehr den Wettbewerb, sondern zementiert die Hierarchie. Die European Super League wurde verhindert, aber eine finanzielle Superliga existiert bereits.

Fazit: Die Ära der Punktabzüge wird nach hinten losgehen

Bis 2027 wird mindestens ein 'Big-Six'-Klub wegen Verstoßes gegen die gleichen Regeln einen Punktabzug erhalten – und das System wird innerhalb eines Jahres reformiert. Die Premier League kann nicht mit zweierlei Maß messen. Entweder die Regeln gelten für alle gleichermaßen, oder sie werden durch ein Luxussteuer-Modell ersetzt, das den Reichen erlaubt, sich freizukaufen. Die aktuelle Farce ist nicht nachhaltig. Klubs wie Everton und Forest sind die Kanarienvögel im Bergwerk; die Minenbesitzer werden die Warnung erst ernst nehmen, wenn sie selbst ersticken.

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