West Hams Mittelfeld hat sein Gravitationszentrum gefunden – doch außerhalb des London Stadiums hat es noch niemand bemerkt
Mateus Fernandes kam im vergangenen Sommer für 40 Millionen Euro von Sporting Lissabon zu West Ham – mit relativ wenig Tamtam. Sieben Monate später ist er zum unverzichtbarsten Zahnrad in Julen Lopeteguis Maschine geworden – doch die öffentliche Wahrnehmung fixiert sich immer noch auf Jarrod Bowens Tore oder Lucas Paquetás Spielkunst. Die Wahrheit ist einfacher und radikaler: Fernandes ist der Grund, warum West Ham jetzt Spiele kontrollieren kann, die sie früher verloren haben.
Ein waschechter Regista, neu geboren in einem modernen Pressingsystem
West Hams Entwicklung unter Lopetegui war subtil, aber tiefgreifend. Letzte Saison belegten sie in der Premier League den 15. Platz bei Pässen im Mitteldrittel; diese Saison sind sie Achter. Der Katalysator ist Fernandes, dessen Passquote von 87 Prozent und 3,2 progressiven Pässen pro 90 Minuten ihn zu den besten Mittelfeldverteilern der Liga machen. Er ist kein Zerstörer – seine 1,8 Tacklings pro Spiel sind bescheiden –, aber seine Positionierung und sein Gespür für Gefahr führen zu 2,1 abgefangenen Pässen pro Partie. Im Vergleich zu Declan Rices letzter Saison bei West Ham (1,9 Interceptions pro Spiel) zeigt sich ein Spieler, der denselben Job mit weniger Physis, aber mehr Intelligenz erledigt.
Lopetegui hat ein kompaktes 4-3-3 einstudiert, in dem Fernandes als alleiniger Sechser vor einer Abwehrkette agiert, die zuvor oft entblößt wirkte. Gegen Manchester City im letzten Monat holte Fernandes elf Bälle im defensiven Drittel und spielte 94 Prozent seiner Pässe unter starkem Pressing an – eine Leistung, die weitgehend unbeachtet blieb, weil West Ham 1:2 verlor. Die zugrundeliegenden Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Mit Fernandes in der Startelf kassiert West Ham 1,3 Expected Goals pro Spiel, ohne ihn 2,1.
Warum das „Mateus-Fernandes-Experiment“ eigentlich eine taktische Revolution ist
Das typische Scouting-Profil von Fernandes beschreibt ihn als „Verbinder“ – einen sauberen Passgeber, der den Ball laufen lässt. Das unterschlägt seine Wirkung. Unter Lopetegui ist er der primäre Auslöser für Konter. Seine 4,1 langen Bälle pro Spiel, viele davon diagonale Verlagerungen auf Bowen, haben aus einer direkten Mannschaft eine vertikal flexible gemacht. Betrachten wir drei spezifische Muster, die diese Saison aufgetaucht sind:
- Gegen Arsenal im Dezember: Fernandes leitete den Konter zum 1:0 ein, indem er unter Druck den Ball annahm, sich drehte und Bowen mit einem 40-Meter-Pass schickte – alles in unter drei Sekunden.
- Gegen Brighton im Februar: Seine zwölf Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte zwangen Roberto De Zerbis Team zu überhasteten Klärungen, was die hohen Ballgewinne schuf, die zu beiden West-Ham-Toren führten.
- Beim 3:1-Sieg gegen Manchester United: Fernandes gelangen drei progressive Pässe in Folge, die Uniteds Mittelfeldpressing umgingen und Casemiro sowie Bruno Fernandes effektiv aus dem Spiel nahmen.
Der Schlüssel ist seine Fähigkeit, den Ball in engen Räumen anzunehmen. Laut Opta wird Fernandes von allen West-Ham-Spielern am häufigsten gepresst (13,2 Pressingkontakte pro 90 Minuten), dennoch verliert er nur in acht Prozent der Fälle den Ball – der beste Wert im Kader. Das zeichnet einen Spieler aus, der Raum und Zeit besser versteht als seine Kollegen.
Aber ist er ein Luxus gegen tiefe Abwehrreihen?
Das offensichtliche Gegenargument ist, dass Fernandes nur dann glänzt, wenn West Ham auf Mannschaften trifft, die Konter zulassen. Gegen tiefe Defensiven von Teams wie Nottingham Forest oder Bournemouth wird seine Passreichweite weniger entscheidend. In Partien, in denen West Ham über 60 Prozent Ballbesitz hatte, verbessert sich Fernandes' Passquote zwar leicht (90 Prozent), aber seine progressiven Pässe pro Spiel sinken auf 1,7. Kritiker sehen darin den Beweis, dass er eher ein „Systemspieler“ als ein Spielentscheider ist.
Doch diese Kritik ignoriert die defensive Last, die Fernandes auch bei Ballbesitzdominanz trägt. In diesen Spielen bittet Lopetegui ihn, tiefer zu stehen als üblich, um Umschaltbewegungen zu verhindern – eine Rolle, die seine Offensivproduktion einschränkt, aber für das Gleichgewicht der Mannschaft entscheidend ist. Zudem ist seine Fähigkeit, kurze Pässe in die Füße zu spielen, West Hams primäres Mittel geworden, um gegen eine defensive Mauer Linien zu durchbrechen. Gegen Forest im September spielte Fernandes 15 Pässe in das letzte Drittel, mehr als jeder andere, und kreierte damit mehrere Torchancen. Das Problem war der Abschluss, nicht der Vorbereiter.
Bis Mai wird Fernandes der erste Name auf Lopeteguis Spielberichtsbogen sein – und ein 70-Millionen-Euro-Kandidat für Europas Elite
West Ham hat bereits ein 55-Millionen-Euro-Angebot von Juventus für Fernandes im Januar abgelehnt – ein Zeichen seiner Wertschätzung. Bis zum Saisonende dürfte diese Summe steigen. Hält Fernandes seine Form, wird er die Saison unter den Top Fünf der Premier League bei Interceptions, progressiven Pässen und Passgenauigkeit unter den zentralen Mittelfeldspielern abschließen. Klubs wie Liverpool (die einen langfristigen Fabinho-Ersatz suchen) und Arsenal (die Tiefe hinter Thomas Partey benötigen) beobachten ihn bereits. Die konkrete Prognose: Fernandes wird in die engere Auswahl für das Premier-League-Team der Saison kommen – und West Ham wird Achter oder besser werden, das beste Ligaresultat seit drei Jahren.
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