Bournemouths Pressing ist eine wunderschön orchestrierte Form der Selbstverletzung.

Jede Woche stürmen die Cherries in koordinierter Raserei nach vorne, erobern den Ball in gefährlichen Zonen – und lassen ihre Abwehr dabei so nackt wie einen Nacktläufer bei einer Krönungszeremonie. Eine Taktik, die Neutralen Herzrasen bereitet und gegnerischen Trainern Schweißperlen auf die Stirn treibt.

Die taktische Linie: Von Bielsa zu Iraola

Andoni Iraola hat die Bielsa-Schule des vertikalen Fußballs importiert, aber Bournemouth fehlt die defensive Disziplin, die Leeds‘ Pressing in der Championship zum Funktionieren brachte. Die Zahlen sind vernichtend: Sie kassieren durchschnittlich 2,1 Gegentore pro Spiel, wenn sie hoch pressen, trotz 3,4 großer Chancen pro Partie.

Vergleichen Sie das mit der Liverpool-Mannschaft von 2018 unter Klopp, die mit ähnlicher Intensität presste, aber mit Virgil van Dijks Tempo und Alissons Torwart-Libero-Glanz als Sicherheitsnetz. Bournemouth hat beides nicht. Ihre Innenverteidiger Marcos Senesi und Illia Zabarnyi sind mutig, aber langsam, und Neto ist ein Torwart, der seinen Strafraum etwa so überzeugend beherrscht wie ein verkaterter Türsteher.

Das Kernproblem: Ein Pressing, das die eigene Verletzlichkeit ignoriert

Bournemouths Pressing ist alles oder nichts: Sie schicken fünf oder sechs Spieler nach vorne und lassen eine klaffende Lücke zwischen Mittelfeld und Abwehr. Wenn die erste Linie überspielt wird, sind sie erledigt.

  • Gegen Liverpool im Januar führte ihr Pressing zu vier Gegentoren, alle durch Konter, die den freien Raum hinter der Abwehr nutzten.
  • Gegen Brighton eroberten sie den Ball 14 Mal im letzten Drittel, verloren aber trotzdem 3:2, weil jeder Ballgewinn zu einem 2-gegen-1 führte.
  • In Spielen gegen die „Big Six“ kassieren sie in 78 % der Fälle das erste Tor – eine direkte Folge früher Risse in ihrer hohen Kette.

xG-Daten stützen das: Das Team lässt im Schnitt 1,9 xG pro Spiel zu, der fünftschlechteste Wert der Liga, während es selbst 1,8 xG erspielt. Das Nettoergebnis ist eine Mannschaft, die permanent Gefahr läuft, deklassiert zu werden.

Das Gegenargument: Es ist Unterhaltung, nicht Selbstmord

Einige werden argumentieren, dass dieser Holzhammer-Ansatz Bournemouth erst sehens- und erlebenswert macht. Sie haben Recht: Niemand bezahlt 60 Euro, um einen tiefen Block zu sehen. Aber es gibt einen Unterschied zwischen mutig und tollkühn, und Irailas System ist näher an einer Kamikaze-Mission als an einem kalkulierten Risiko.

Ja, das Pressing erzeugt hohe Ballgewinne und spektakuläre Tore, aber es stellt auch sicher, dass sie nie aus einem Spiel sind. Doch das ist zweischneidig: Sie sind eben auch nie sicher. Ihre 2:0-Führung gegen Sheffield United im März verdampfte in sieben Minuten, weil sie mit zwei Toren Vorsprung weiter pressten und ein billiges Gegentor kassierten, das einen Zusammenbruch auslöste.

Was sich ändern muss

Bournemouth muss das Pressing nicht aufgeben, aber justieren. Einfache Stellschrauben können die Saison retten.

Erstens: Pressing in Phasen – nur auslösen, wenn der gegnerische Außenverteidiger den Ball mit dem Rücken zum Spiel erhält. Zweitens: Die Linie zwischen Sechser und Innenverteidigung auf 30 Meter senken, nicht 40. Drittens: Im Sommer einen schnellen Innenverteidiger verpflichten oder ein Talent wie den 19-jährigen Joe Middleton befördern, der über Tempo verfügt, aber noch kein Ligaspiel bestritten hat.

Ohne diese Veränderungen wird Bournemouth weiter auf des Messers Schneide balancieren und in gleichem Maße begeistern wie verzweifeln lassen.

Fazit: Ein Mittelfeldplatz, aber das Scheitern ist hausgemacht

Ich prognostiziere, dass Bournemouth am Ende Platz 14 belegt, aber der Abstand zwischen Platz 14 und 18 wird ihr eigenes Werk sein. Sie werden fünf Spiele verlieren, in denen sie mehr Chancen haben als der Gegner – allein wegen defensiver Fehler, die aus Pressing in den falschen Momenten entstehen.

Bis zum Saisonende werden sie 60 Gegentore kassiert haben, und ihr Torverhältnis wird auf -12 sinken. Platz 14? Ja, aber mit dieser Verletzlichkeit kreisen die Geier. Ein hohes Pressing, das 38 Spiele nicht durchhält, ist eine Fata Morgana, und Bournemouth trinkt Wüstensand.

Eingeordnet unter: Taktik-Analyse | LA Premier League Startseite