Aston Villa – ein taktischer Bluff?
Unai Emery hat Aston Villa vom Abstiegskandidaten zum Top-Vier-Anwärter geformt. Die Zahlen verführen: Platz fünf in der Premier League, Halbfinale der Europa Conference League, eine Punktausbeute auf Augenhöhe mit Arsenal. Doch unter der Oberfläche lauert ein strukturelles Problem, das alles zu untergraben droht. Villa kann Mittelfeldschlachten gegen starke Gegner nicht kontrollieren. Die Beweislage ist erdrückend – und wird sie den Lauf kosten.
Historische Lehren: Warum Mittelfeldkontrolle entscheidend ist
Denken Sie an die großen Premier-League-Mannschaften – Pep Guardiolas Manchester City, Klopps Liverpool, selbst Wengers Invincibles. Sie alle dominierten das Zentrum. Seit 2018 landete jedes Top-Vier-Team in den Top Sechs bei Ballbesitz im Mittelfeld, Pässe ins letzte Drittel und Defensivaktionen in den zentralen Zonen. Villa bricht das Muster. Gegen die „Big Six“ dieser Saison kamen sie auf durchschnittlich 42,3 % Ballbesitz – schlechter nur als Everton und Burnley. Das ist kein Ausrutscher, sondern ein Muster.
Der schmerzhafteste Vergleich ist der zu Thomas Franks Brentford. Im gleichen Zeitraum kam Brentford – ein Klub mit einem Bruchteil von Villas Budget – auf 49,1 % Ballbesitz gegen Top-Sechs-Teams und kassierte 1,7 xG pro Spiel, Villa dagegen 2,4. Franks Elf ist nicht talentierter, sie ist einfach besser organisiert im Mittelfeld und schützt die Abwehr mit einem kompakten Block. Villa bietet diesen Schutz nicht.
Das strukturelle Problem: Emerys System lässt den Sechser allein
Emerys taktische Vorliebe ist ein 4-4-2 ohne Ball, bei dem die Außenmittelfeldspieler nach innen rücken. Theoretisch sollte das den zentralen Raum zustellen. In der Praxis müssen Villas Doppelsechser – meist Douglas Luiz und Boubacar Kamara – 40 Meter Rasen allein abdecken. Die Außen pressen zwar hoch, verfolgen aber keine Läufer, sodass die Sechser gegen drei oder vier Gegner isoliert sind.
- Burnley (H): 52,4 % Ballbesitz, 1,7 xGA – kassierte dennoch drei Tore aus Mittelfeldkombinationen durchs Zentrum. Josh Brownhill allein legte vier Chancen auf.
- Newcastle (A): 38,9 % Ballbesitz, 1,9 xGA. Bruno Guimarães spielte 93 Pässe ins letzte Drittel, ohne angegangen zu werden. Villas Außen waren mit Ballbeobachtung beschäftigt.
- Man City (H): 30,2 % Ballbesitz, 2,1 xGA. Julián Álvarez ließ sich ins Loch fallen, bekam Bälle zwischen den Linien und bereitete beide Tore vor. Die Reaktion von Villas System: Fehlanzeige.
Die Daten zeigen ein einfaches Bild. Villa steht ligaweit auf Platz 17 bei „gegnerischen Pässen pro Defensivaktion“ im zentralen Drittel – sie lassen Gegner ohne Widerstand durchspielen. Nur Sheffield United, Luton Town und das Wrack des FC Chelsea sind schlechter. Aston Villa presst nicht, es winkt den Verkehr durch.
Das Gegenargument und die Entgegnung: Was ist mit dem Angriff?
Die Standardverteidigung von Villa lautet: Sie sind auf schnelle Umschaltmomente ausgelegt, nicht auf Ballbesitz. Ihre Vertikalität, angetrieben von Ollie Watkins’ Läufen in die Tiefe und Leon Baileys direktem Dribbling, gehört zu den gefährlichsten der Liga. Seit Dezember haben nur Liverpool und Arsenal mehr Tore aus Kontern erzielt. Also warum etwas reparieren, das nicht kaputt ist? Weil es kaputt ist – gegen die Besten. In Spielen gegen Top-Acht-Gegner, in denen Villa in Rückstand geriet, gewannen sie kein einziges Mal. Ihr Umschaltspiel funktioniert in Führung; unter Druck bricht es zusammen, weil ihnen die Basis im Mittelfeld für nachhaltige Angriffe fehlt. Ergebnis: eine Mannschaft, die Abstiegskandidaten eiskalt abfertigt, aber gegen Gleichstarke einbricht.
Und ein tieferes Problem: die Belastung von Douglas Luiz und Boubacar Kamara. Beide haben über 2.500 Minuten in dieser Saison auf dem Buckel, Luiz liegt ligaweit auf Platz vier bei Sprints und Tacklings kombiniert. Sie werden verheizt. Ohne einen dritten Mittelfeldspieler, der absichern, passen und Räume abdecken kann – eine Art jüngerer, günstigerer Jorginho – wird Villa genau dann die Kraft ausgehen, wenn der Endspurt Ausdauer verlangt. Ferencváros‘ angebliches Interesse an Luiz macht die Notwendigkeit einer Verstärkung nur dringlicher.
Fazit: Emery holt im Januar einen Sechser – aber das Problem bleibt
Bis zum 1. Februar 2025 wird Aston Villa einen defensiven Mittelfeldspieler verpflichten – wahrscheinlich einen jungen, mobilen Spieler aus der Ligue 1 oder Bundesliga mit Ballgewinn-Profil, der die Fans elektrisiert. Der Spieler wird sechs Spiele machen, nach einem 0:3 gegen Brighton oder Manchester United aussortiert, weil er ständig falsch steht, und Villa wird Siebter. Emerys System wird sich nicht ändern, weil seine Ideologie festgezurrt ist. Er wird nicht akzeptieren, dass sein 4-4-2 das Problem ist. Und so, wenn Villa in der nächsten Saison in der Europa League gegen Sporting Lissabon oder Lazio bereits nach 20 Minuten durchs Mittelfeld ausgekontert wird, werden die Experten fragen: Wie konnten sie das nicht kommen sehen? Wir sehen es jetzt. Aston Villas Mittelfeld ist eine Fata Morgana, und die Wüste rückt näher.
Verwandte Artikel
Kategorien: Taktikanalyse | LA Premier League Home