Die Nachricht, dass Liam Millar zu Birmingham City ausgeliehen wurde, hat bei den Anhängern von Hull City für Unruhe gesorgt. Der kanadische Nationalspieler war ein heller Lichtblick in einer weitgehend vergessenswerten Saison 2023/24 im MKM Stadium, und sein Abgang – selbst vorübergehend – wirft Fragen zur offensiven Tiefe und den Ambitionen der Tigers für die kommende Spielzeit auf. War dies eine kalkulierte Entscheidung der Vereinsführung oder ein kostspieliger Fehler, der ihre Play-off-Hoffnungen untergraben könnte?
Ein Glanzlicht in einer düsteren Saison
Millar kam im Sommer 2023 zunächst auf Leihbasis von Basel zu Hull City, ehe der Wechsel im Januar fest vollzogen wurde. In einer Saison, in der die Tigers unter Liam Rosenior gegen den Abstieg kämpften und erst unter Tim Walter eine späte Aufholjagd starteten, sorgten Millars direktes Dribbling und seine Bereitschaft, Gegenspieler zu überwinden, für seltene Höhepunkte. Seine drei Tore und drei Vorlagen in der Championship – darunter ein Traumtor gegen Leeds United – zeigten das Potenzial eines Spielers, der verstockte Abwehrreihen knacken kann. Doch Verletzungen und Formschwankungen prägten seine Saison und beschränkten ihn auf nur 22 Einsätze. Die Grundlagen sind unbestreitbar vorhanden: Tempo, Trickreichtum und Abschlussstärke. Doch mit 25 Jahren braucht Millar regelmäßige Spielzeit, und angesichts der Neuverpflichtungen im Angriff im MKM Stadium wurde sein Weg in die Startelf zunehmend verbaut.
Birminghams Gewinn, Hulls Wagnis
Birmingham City, unter der ambitionierten Führung von Knighthead Capital, war auf dem Transfermarkt aktiv. Ihr Griff nach Millar ist ein klares Zeichen: Sie bauen eine Mannschaft auf, die für die sofortige Rückkehr in die Championship bereit ist. Für Millar ist die Aussicht, regelmäßig für einen Klub mit solchem Schwung und unter Chris Davies‘ klarer Spielidee aufzulaufen, attraktiv. Bei St. Andrew’s wird er eine Schlüsselrolle spielen, kein Ersatzspieler. Für Hull City hingegen scheint die Leihe ein Glücksspiel zu sein. Sie schafft zwar Platz im Gehaltsgefüge und im Kader, entfernt aber eine bewährte – wenn auch unpolierte – Offensivoption. Die Tigers haben zwar mehrere neue Gesichter verpflichtet, doch keiner entspricht Millars spezifischem Profil als natürlicher Linksaußen. Sollten Verletzungen oder Formkrisen zuschlagen, könnte Tim Walter auf den Flügeln schnell personell limitiert sein.
Die finanzielle und taktische Logik
Aus geschäftlicher Sicht ergibt die Leihe Sinn. Millars Marktwert dürfte nach einer Saison auf der Bank kaum gestiegen sein, und regelmäßige Einsätze in Birmingham könnten ihn für einen möglichen Verkauf teurer machen. Acun Ilıcalı, Eigentümer von Hull City, hat immer wieder betont, dass die Finanzen ausgeglichen und nachhaltig gestaltet werden müssen. Der Klub hat massiv in Neuverpflichtungen wie Marvin Mehlem und Anthony Racioppi investiert, und die Ausleihe Millars hilft, die Gehaltskosten zu senken. Taktisch bevorzugt Walter eine Pressing- und Direktspielweise, die von Flügelspielern hohe Laufbereitschaft und taktische Disziplin verlangt. Millar ist zwar talentiert, in seinem Positionsspiel aber mitunter ungestüm. Die Leihe könnte als Chance gesehen werden, diese Aspekte in einem weniger druckvollen Umfeld zu verbessern, bevor er als kompletterer Spieler zurückkehrt.
Historische Präzedenzfälle
Hull City hat eine Geschichte von Leihgeschäften, die in beide Richtungen gingen. Die erfolgreichen temporären Abgänge, wie Jarrod Bowens frühe Leihe zu Kidderminster, werden gerne erinnert. In jüngerer Zeit wurden Talente wie Keane Lewis-Potter eher verkauft als ausgeliehen, wenn ihre Zeit gekommen war. Die Tigers hatten oft Mühe, ihre größten Talente zu halten, aber einen Spieler auszuleihen, der noch etwas beitragen könnte, ist eine andere Sache. Der Präzedenzfall von George Honeyman, der zunächst ausgeliehen und dann verkauft wurde, deutet darauf hin, dass der Klub Millar auf einen endgültigen Abschied vorbereiten könnte. Doch wenn Millar in Birmingham aufblüht, werden sich die Hull-Fans zu Recht fragen, warum er das nicht in Schwarz und Bernstein schaffte. Die Entscheidung wirkt wie ein kurzfristiges Opfer für einen langfristigen Gewinn, aber in der gnadenlosen Welt der Championship zählen kurzfristige Ergebnisse.
Was vor den Tigers liegt
Mit Millars Abgang liegt die Verantwortung nun bei den Neuzugängen und den verbleibenden Spielern. Abdülkadir Ömür und Ryan Longman sollen von den Flügeln für Kreativität sorgen. Walters System setzt stark auf die Überladung der Außenbahnen und zentrale Kombinationen, sodass das Fehlen eines klassischen Flügelstürmers vielleicht nicht allzu schwer wiegt. Doch über eine Saison mit 46 Spielen ist die Kaderbreite entscheidend, und Verletzungen werden nicht ausbleiben. Die nächsten Monate werden richtungsweisend für Hull City sein. Stehen sie im Januar in den Top Sechs, wird die Millar-Leihe vergessen sein. Dümpeln sie im Mittelfeld herum und mangelt es an Ideen, wird die Entscheidung, ihn ziehen zu lassen, kritisch hinterfragt.
Am Ende ist Liam Millars Wechsel zu Birmingham City ein kalkuliertes Risiko. Es könnte den Spieler formen und ein cleveres Geschäft für Hull City sein. Oder es könnte eine Entscheidung sein, die sie noch verfolgen wird. Nur die Zeit wird es zeigen, aber eines ist sicher: Die Tigers müssen jetzt sicherstellen, dass ihre anderen Offensivoptionen liefern. Das Leihfenster ist noch offen, aber für Walter tickt die Uhr, um eine Mannschaft zu formen, die oben mitspielen kann. Für Millar ist die Chance, vor 30.000 Zuschauern in St. Andrew’s zu glänzen, eine goldene Gelegenheit. Für Hull City ist es ein Sprung ins kalte Wasser.
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