FFP ist keine Regel der Fairness. Es ist eine Steuer auf Ambitionen, getarnt als Nachhaltigkeitsgebot.
Als Everton und Nottingham Forest in dieser Saison Punktabzüge kassierten, feierte die PR-Maschinerie der Premier League dies als Sieg der finanziellen Integrität. In Wahrheit war es der neueste Akt eines Kartells, das sich gegen Störenfriede abschottet. Financial Fair Play ging es nie darum, Clubs vor der Pleite zu bewahren – sondern darum, die Reichen reich zu halten.
Vom Solvenz- zum Suprematie-Instrument
Ursprünglich 2009 von der UEFA konzipiert, wurde FFP als Mechanismus verkauft, um Clubs daran zu hindern, über ihre Verhältnisse zu leben – eine Reaktion auf den Kollaps von Portsmouth und die Beinahe-Pleite von Rangers. Die Idee war edel: keine rücksichtslosen Besitzer mehr, die Gläubiger im Stich lassen. Doch irgendwo zwischen Platinis Excel-Tabelle und den Profit- und Nachhaltigkeitsregeln (PSR) der Premier League haben sich die Torpfosten verschoben. Heute prüfen die Regeln nicht nur Verluste, sie zementieren die Hierarchie.
Man bedenke: Zwischen 2018 und 2023 überstieg der kombinierte Netto-Transferaufwand der sogenannten Big Six 3 Milliarden Pfund. Keiner von ihnen erhielt einen Punktabzug. Everton hingegen – ein Club, belastet durch einen missglückten Stadionneubau und die kubanischen Zigarren seines Besitzers – verlor insgesamt effektiv acht Punkte (6+2 nach Berufungsmilderung). Nottingham Forest, als Aufsteiger mit einem Kaderbau fürs Überleben, verlor vier. Die Botschaft ist klar: Gib aus wie ein Gigant, und du bekommst einen Klaps aufs Handgelenk. Gib aus wie ein Emporkömmling, der wachsen will, und du bekommst die Guillotine.
Die Zahlen lügen nicht – sie werden nur selektiv angewandt
Gehen wir ins Detail. Manchester City haben 115 offene Anklagepunkte wegen mutmaßlicher Finanzverstöße, viele davon Jahre alt. Die Anhörung steht bevor. Doch City spielt weiter, verpflichtet 100-Millionen-Spieler und gewinnt Triples. Chelsea amortisierte unter Todd Boehly 1,5 Milliarden Pfund Ablösesummen über Achtjahresverträge – eine inzwischen geschlossene Lücke – und wies 2023 einen Vorsteuerverlust von 486 Millionen Pfund aus. Ihre einzige Strafe? Eine Geldbuße. Eine Geldbuße für einen Club, der Zehnter wurde und dennoch 400 Millionen ausgab. Forest hingegen überschritt die Grenze um 34,5 Millionen – ein Betrag, der von den kommerziellen Aktivitäten der Elite in den Schatten gestellt wird. Die eigenen Regeln der Premier League erlauben Verluste von 105 Millionen über drei Jahre, aber dieser Wert ist seit seiner Einführung durch die Inflation entwertet. Real sind es heute eher 80 Millionen. Und die Elite schert sich einen Dreck darum.
- Everton: effektiver Abzug von 8 Punkten für 124,5 Mio. Überausgaben – ca. 1 Punkt pro 15,6 Mio.
- Forest: Abzug von 4 Punkten für 34,5 Mio. Überausgaben – ca. 1 Punkt pro 8,6 Mio.
- Chelsea: Geldstrafe von 0 Punkten für 486 Mio. Verlust – eine Strafe von ca. 0 Pfund pro 1 Mio.
Die Asymmetrie ist grotesk. Das Strafmaß ist umgekehrt proportional zum Ausmaß des Verstoßes. Je größer der Club, desto geringer die Strafe.
Das Gegenargument: Regeln sind Regeln, und Präzedenzfälle zählen
Um des Teufels Advokat zu spielen: Die Regeln sind klar, und die Clubs haben für sie gestimmt. Everton und Forest kannten die Schwellenwerte. Ein Verstoß ist ein Verstoß. Und Chelseas Geldstrafe war in Geldbeträgen beträchtlich – 8,75 Millionen für ungenaue Finanzinformationen, getrennt von der FFP-Untersuchung. Aber das verfehlt den Punkt: Die Regeln selbst sind manipuliert. Sie erlauben Verluste bis 105 Millionen, erlauben aber auch Zuschläge für Investitionen in Infrastruktur, Jugend und Frauenfußball. Diese Zuschläge begünstigen Clubs mit etablierten Stadien und Eigengewächsen – sprich: die Big Six. Ein Club wie Brighton kann keine 500-Millionen-Stadionmodernisierung geltend machen, weil er keine hat. Er kann keine 50-Millionen-Jugenddividende geltend machen, weil sein Nachwuchs noch keinen 100-Millionen-Verkauf hervorgebracht hat. Das System belohnt die, die bereits Reichtum besitzen.
Und die Durchsetzung ist ein Witz. Die eigene Untersuchung der Premier League gegen City dauerte vier Jahre, und die Anklage wurde erst nach öffentlichem Druck erhoben. Kleinere Clubs werden dagegen innerhalb einer Saison abgefertigt. Die Angst gilt nicht dem Regelbruch – sie gilt der eigenen Unbedeutendheit beim Regelbruch.
Prognose: Der große Aufstand und die kommende Gehaltsobergrenze
Bis Ende der Saison 2025/26 wird eines von zwei Dingen passieren. Entweder einem Mitglied der etablierten Elite – Arsenal, Liverpool oder Tottenham – werden wegen eines technischen Verstoßes Punkte abgezogen, was endlich beweist, dass die Regeln für alle gelten. Oder die Regeln selbst werden durch eine an den Umsatz gekoppelte Gehaltsobergrenze ersetzt, wie von der EFL angedacht. Letzteres ist wahrscheinlicher. Die Premier League wird eine weiche Obergrenze einführen, die Ausgaben an einen Prozentsatz des Umsatzes bindet – was die aktuelle Hierarchie quasi gesetzlich festschreibt. Diese Grenze wird bei 70 % des Umsatzes liegen – ein Niveau, das nur die Big Six komfortabel erreichen. Leicester, Brighton und Aston Villa werden innerhalb von drei Jahren gegen sie verstoßen. Das Kartell wird vollständig legalisiert, und der Mythos des sportlichen Wettbewerbs wird neben dem Geist des Spiels begraben.
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