Die Unsichtbarkeit des Unverzichtbaren
Mateo Kovacic hat in dieser Saison 14 Premier-League-Spiele für Manchester City absolviert. Niemandem ist es aufgefallen. Genau das macht ihn zum vielleicht am meisten unterschätzten Fußballer der Liga. In einer Welt, die Tore, Vorlagen und glitzernde Statistiken vergöttert, tut Kovacic das eine, das sich nicht messen lässt: Er macht alle um sich herum besser, ohne je Anerkennung zu fordern.
Von Chelsea aussortiert zum stillen Rückgrat
Als City 2023 30 Millionen Pfund für Kovacic an Chelsea überwies, hieß es, sie hätten einen zuverlässigen Ergänzungsspieler geholt. Einen, der Kevin De Bruyne entlasten, nicht ersetzen sollte. 18 Monate später hat sich die Geschichte gedreht. De Bruyne ist 33, verletzungsanfällig und hat in dieser Saison zwölf Liga-Spiele verpasst. City ist nicht eingebrochen. Der Grund ist Kovacic.
Seine Zahlen sind unspektakulär: zwei Tore, drei Vorlagen. Doch seine Passquote von 93,7 Prozent ist die zweitbeste aller Mittelfeldspieler mit mehr als 1000 Minuten. Noch deutlicher: Mit Kovacic in der Startelf holt City im Schnitt 2,3 Punkte pro Spiel, ohne ihn nur 1,9. Der Unterschied ist subtil, aber strukturell. Kovacic ist der Ballast, der Rodri das Freizügige erlaubt, das Sicherheitsventil für Phil Foden, die stille Intelligenz, die Guardiolas Maschine am Laufen hält, wenn andere streiken.
Die Kunst, den Ball am Laufen zu halten
Kovacics Genie liegt nicht im Spektakulären, sondern im Vorbeugenden. Er nimmt den Ball unter Druck, befreit sich mit einer Drehung und entschärft die Gefahr. Seine Dribbling-Quote von 84 Prozent ist die höchste aller City-Mittelfeldspieler. Er sucht nicht den tödlichen Pass, sondern den richtigen. Den, der das Tempo hält, die Ordnung wiederherstellt, das Pressing des Gegners erstickt. Es ist eine Kunst, die die Premier League noch nicht zu messen gelernt hat.
Einige Beispiele aus dieser Saison:
- Gegen Arsenal im Oktober spielte Kovacic 48 von 49 Pässen im 2:1-Sieg. Der eine Fehlpass war eine Kopfballabwehr. Arsenals Pressing, das zuvor Tottenham und Liverpool erstickt hatte, scheiterte an Kovacics Fähigkeit, den Ball in der Drehung anzunehmen und vor dem Kontakt abzuspielen.
- Beim 2:0 gegen Nottingham Forest startete Kovacic sechs progressive Läufe aus der Tiefe – jeder zwang Forests Mittelfeld zum Rückzug. Keiner führte direkt zu einem Tor. Aber gemeinsam nagelten sie Forest für 70 Prozent der Spielzeit in der eigenen Hälfte fest.
- Auswärts in Newcastle eroberte Kovacic sieben Bälle und spielte alle zwölf seiner Pässe unter Druck. City gewann 3:1. Der Spielbericht stellte Haalands Doppelpack in den Fokus. Keine Analyse erwähnte Kovacic. Genau das ist der Punkt.
„Aber er schießt keine Tore, er gibt keine Vorlagen“
Das Gegenargument liegt auf der Hand: Kovacic ist ein Wasserschlepper in einer Ära der Allrounder. Jude Bellingham trifft, Declan Rice diktiert, Rodri knallt Traumtore aus 25 Metern. Kovacic tut nichts davon. Seine Torbeteiligung pro 90 Minuten liegt bei 0,12, der niedrigste Wert aller City-Mittelfeldspieler. Wenn sein Wert rein defensiv ist, warum dann nicht einen zweiten Sechser bringen?
Diese vereinfachende Denkweise ist genau das, was der Transfermarkt belohnt. Vereine wie Manchester United – angeblich mit 100 Millionen Pfund für Felix Nmecha – jagen den Namen, den Scoutingbericht mit Größe, Power und Torgefahr. Die Kovacics dieser Welt werden unterbewertet, unterbezahlt, unterschätzt. Nmechas Passquote: 82,1 Prozent. Kovacics: 93,7 Prozent. Der Unterschied ist Effizienz. Der Unterschied ist Intelligenz. Der Grund, warum einer 100 Millionen kostet und der andere bei Chelsea aussortiert wurde.
Was Kovacic bietet, ist nicht Blitz, sondern Fundament. Er ist das Bindegewebe, das Citys Pressing resistent macht. Ohne ihn wird Guardiolas Team berechenbarer, angewiesen auf individuelle Genialität. Mit ihm werden sie zu einer unknackbaren Maschine. Sein Raumgefühl, seine Ballannahme in engen Räumen, seine Ruhe unter Druck – das sind die Eigenschaften, die Spitzenfußball erst ermöglichen. Es sind genau jene, die eine Transferindustrie systematisch ignoriert.
Warum City jetzt um ihn herum bauen muss
Kovacic wird im Mai 31. Sein Vertrag läuft bis 2026, aber über eine Verlängerung sollte es keine Debatte geben. De Bruynes Niedergang ist absehbar, Bernardo Silvas Zukunft ungewiss. Kovacic ist keine Übergangslösung, er ist die Brücke. Guardiolas System braucht mindestens einen Mittelfeldspieler, der das Pressing durch Dribbling und Kurzpässe überwindet. Kovacic ist dieser Spieler. Ihn zu verlieren, würde einen taktischen Umbau erzwingen, den sich City in der Transition nicht leisten kann.
Meine Prognose: Kovacic wird im Champions-League-Finale starten, wenn City es erreicht. Er wird kein Tor schießen, keine Vorlage geben. Aber er wird der Spieler sein, den Guardiola nicht fallen lässt. Und nach dem Spiel wird die Mainstream-Presse Haaland oder Foden zum Mann des Spiels küren. Das wird der beste Beweis für Kovacics Größe sein – dass er die größten Spiele gewinnt, ohne dass je jemand genau versteht, warum.