Das Mittelfeld-Loch, das Evertons Existenz bestimmt
Der Abstiegskampf von Everton in der Premier League wird oft mit vergebenen Chancen, Defensivfehlern und chronischem Sparzwang erklärt. Doch unter der Oberfläche verbirgt sich ein heimtückischeres Problem: ein Mittelfeld, das im Übergangsspiel verschwindet, die Abwehr isoliert und den Angriff aushungern lässt. Das ist kein Pech, sondern eine strukturelle Krankheit.
Historischer Präzedenzfall: Wenn Mittelfeldspieler zu Geistern werden
Vergleicht man Evertons aktuelle Misere mit dem Abstieg von West Bromwich Albion 2017/18: Deren Mittelfeld mit Jake Livermore und Grzegorz Krychowiak bot weder Schutz noch Impulse, was in einer Tordifferenz von -34 resultierte. Evertons Zahlen in dieser Saison spiegeln diese Wirkungslosigkeit wider: Sie belegen die letzten drei Plätze bei Pässen in das letzte Drittel und erobern den Ball nur in 22 % der Fälle im Mittelfeld – eine Statistik, die selbst den defensivsten Championship-Klub blamieren würde.
Manchester Uniteds Saison 2013/14 unter David Moyes bietet eine weitere Parallele. Dort wurde das Duo Michael Carrick und Tom Cleverley zum Vakuum, was zu verunsicherten Angriffen und defensiver Anfälligkeit führte. Evertons aktuelles Duo, oft eine Mischung aus Idrissa Gueye und Abdoulaye Doucouré, repliziert dies, indem es viel Raum abdeckt, aber ohne Ziel – gewinnt Zweikämpfe in isolierten Zonen, kontrolliert aber nie den Spielfluss.
Das taktische Vakuum: Eine Fallstudie der Wirkungslosigkeit
Das Problem kristallisiert sich in Evertons Unfähigkeit, von Defensive auf Angriff umzuschalten. Wenn Torwart Jordan Pickford zu seinen Innenverteidigern spielt, hat er oft keine Option nach vorne; die Mittelfeldspieler fallen zu tief zurück, laden Druck ein, oder schieben zu hoch, wodurch die Schaltzentrale verlassen wird. Das zwingt James Tarkowski zu verzweifelten weiten Bällen, die von gegnerischen Verteidigern wie Virgil van Dijk oder William Saliba mühelos geklärt werden.
- Das falsche Doppelsechs-Mismatch: Gueye agiert als alleiniger Absicherer, Doucouré als Box-to-Box-Läufer – dazwischen klafft eine Lücke. Gegner wie Arsenal und Manchester City nutzen das mit schnellen Doppelpässen durchs Zentrum.
- Isolierte Außenverteidiger: Vitaliy Mykolenko und Seamus Coleman sind gegen Top-Flügelstürmer schutzlos, weil das Mittelfeld die Läufer aus der Tiefe nicht verfolgt. Das führt zu 2-gegen-1-Überzahlen, die Tarkowski kompensieren muss und dabei aus der Position gerät.
- Fehlende Pressingresistenz: Evertons Mittelfeld umgeht das Pressing mit überhasteten Pässen und verliert so billig den Ball. Das lädt zu permanentem Druck ein, wie beim 0:3 gegen Brighton, als Pascal Groß ungestört das Spiel bestimmte.
Das Gegenargument: Dyches Pragmatismus als vermeintlicher Fehler
Man könnte argumentieren, dass Sean Dyches taktischer Ansatz Absicht ist – ein tief stehender Block mit Kontern, der defensive Stabilität über Mittelfeldkontrolle stellt. Schließlich basierte Burnleys Klassenerhalt 2020/21 auf ähnlichen Prinzipien. Doch jene Burnley-Elf hatte Ashley Westwood und Josh Brownhill, die konstant die höchste Passquote im unteren Tabellendrittel aufwiesen. Evertons Mittelfeldspieler liegen bei Passquote unter Druck unter dem Durchschnitt, und ihre Konter scheitern oft an schlechter Ballannahme und fehlenden Unterstützungsläufen.
Selbst wenn Everton ein Tor erzielt, verfallen sie in den Schneckenmodus und laden Druck ein, wie beim 2:2 gegen Sheffield United, als sie eine 2:0-Führung verspielten. Das ist kein Pragmatismus, sondern ein reaktives Chaos, das ihre schmalen Hoffnungen untergräbt. Dyches System funktioniert nur mit athletischen, pressresistenten Mittelfeldspielern, die den Ball laufen lassen, nicht mit einem Duo, das die Defensive in Dauerbelastung zwingt.
Fazit: Die Uhr tickt für Dyches Mittelfeld-Reparatur
Bis Dezember 2027 wird Everton mindestens 12 Gegentore nach Ballverlusten im Mittelfeld kassieren, wenn sie ihren aktuellen Ansatz beibehalten. Der Klub muss im Januar-Fenster eine Leihe priorisieren – einen technisch versierten Mittelfeldspieler, der sich neben Gueye setzt und das Tempo vorgibt, ähnlich wie João Palhinha es für Fulham tut. Ohne diese Veränderung werden sie 18. – ein Schicksal, das nicht an vergebenen Chancen liegt, sondern am schwarzen Loch im Zentrum.
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