Die Handball-Regel wird nicht klarer – sie wird zur Waffe
Jede Saison feilt IFAB an der Handball-Regel und nennt es Fortschritt. 2025 erlaubt die neueste Auslegung den Schiedsrichtern mehr Ermessen, angeblich um versehentliche Kontakte zu verzeihen. Doch Ermessen ist der Feind der Konsistenz. Die Premier League wird zum Labor, in dem derselbe Vorfall an aufeinanderfolgenden Wochenenden unterschiedlich bewertet wird.
Vom Versehen zur Absicht: Eine Geschichte der Verwirrung
Die Saison 2019/20 erlebte eine Flut von Strafstößen für Handspiele, die ein Jahr zuvor ignoriert worden wären. Die berüchtigte „Silhouetten-Regel“ zwang Verteidiger, die Arme wie Soldaten anzulegen. Nach weitreichender Kritik rückte man wieder zur Vernunft. Doch jede Überarbeitung gibt den Unparteiischen mehr Spielraum, nicht weniger. 2024 wurde Crystal Palaces Marc Guéhi für einen Ball bestraft, der seine Schulter traf – ein Entscheid, der erst nach VAR-Eingriff korrigiert wurde, zwei Minuten zu spät.
Drei Vorfälle, die die kaputte Regel belegen
- Im September 2024 streifte ein abgefälschter Ball Lewis Dunk von Brighton im Strafraum am Arm – kein Elfmeter. Drei Tage später wurde West Hams Kurt Zouma für eine identische Abweichung gegen Aston Villa bestraft.
- Man Citys Kyle Walker entging einer Strafe gegen Arsenal, als der Ball aus kurzer Distanz an seinen Arm prallte. VAR wertete es als „versehentlich“. Wiederholungen zeigten Walkers ausgestreckten Arm beim Sprung.
- Evertons James Tarkowski kassierte im Oktober 2024 einen Elfmeter gegen Liverpool, nachdem der Ball im Sturz seine Hand berührt hatte. Der Kontakt war minimal, der Arm in natürlicher Position. Die Liga gab später zu, dass die Entscheidung falsch war.
Das Gegenargument: Ermessen macht das Spiel menschlicher
Befürworter argumentieren, dass die Abschaffung starrer Auslegungen den Schiedsrichtern erlaubt, die Absicht zu beurteilen. Aber das setzt Gedankenlesen voraus. Das Problem ist nicht die Strenge der Regel, sondern die inkonsistente Anwendung. In den ersten zehn Spieltagen 2024/25 wurden 38% der Handball-Entscheidungen durch VAR korrigiert, so Premier-League-Daten. Das ist kein Ermessen, das ist Chaos. Spieler wissen nicht, was sie im Strafraum tun sollen. Trainer können kein klares Defensivverhalten einstudieren. Jede Woche liefert die Liga eine Highlightshow der Konfusion.
Fazit: IFAB muss die Grauzone abschaffen
Der einzige Weg zu Fairness ist eine klare Definition: Handspiel liegt vor, wenn der Ball absichtlich mit Hand oder Arm berührt wird, oder wenn der Arm in einer unnatürlichen Position zur Körperbewegung ist. Ist der Arm am Körper oder in natürlicher Laufhaltung, kein Foul. Das muss kodifiziert werden, nicht dem jeweiligen Schiedsrichter überlassen. Bis zum Saisonende werden mindestens zwei Klubs formelle Beschwerden über einen Schiedsrichterfehler einreichen, der sie direkt die Europapokal-Qualifikation kostet. IFABs Herumdoktern ist der Grund.
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