Sunderlands hohes Pressing ist keine Stärke – es ist eine Zeitbombe
So romantisch Sunderlands Weg von der League One in die Europa League auch ist – ihr gefeiertes Pressing-Spiel verbirgt eine strukturelle Schwäche, die bessere Mannschaften schonungslos ausnutzen werden. Die Black Cats pressen mit Intensität, aber ohne Disziplin und hinterlassen riesige Räume, die ein Guardiola oder De Zerbi genüsslich bespielen würden.
Von langen Bällen zu hohen Linien: Die Evolution eines riskanten Stils
Vor vier Jahren drosch Sunderland unter Lee Johnson noch lange Bälle in der dritten Liga. Heute schicken sie unter Regis Le Bris fünf oder sechs Spieler nach vorne in ein koordiniertes Pressing. Die Entwicklung ist bewundernswert, doch die Zahlen zeigen ein anderes Bild. Laut Opta belegt Sunderland in der Premier League Platz 4 bei Ballgewinnen in der gegnerischen Hälfte, aber auch Rang drei bei Gegentormöglichkeiten direkt nach Ballverlust im letzten Drittel. Sie erobern den Ball früh, verlieren ihn aber genauso schnell wieder.
Das ist kein Fehler, sondern ein Merkmal eines Systems, das Chaos über Kontrolle stellt. Le Bris‘ Elf gleicht einem Boxer, der wild ausholt, Treffer landet, aber dabei sein Kinn entblößt. Gegen Chelsea hatten sie Glück, gegen Brentford wurden sie in der ersten Hälfte viermal auseinandergenommen – nur die mangelhafte Chancenverwertung der Gegner rettete sie.
Die taktische Falle: Warum Sunderlands Pressing grundlegend fehlerhaft ist
Das Problem ist nicht das Pressing an sich, sondern das Fehlen einer kohärenten zweiten Linie. Wenn die erste Welle umgangen wird – oft durch einen einfachen Seitenwechsel oder einen dritten Läufer – verlieren Sunderlands Mittelfeld und Abwehr den Zusammenhalt. Die Innenverteidiger rücken auf, aber die Außenverteidiger zögern. Die Folge ist eine Abwehrkette, die weder hoch noch tief steht – ein Niemandsland, das Spielmacher der Extraklasse ausnutzen.
- Gegen Manchester City verlor Sunderland 12-mal im eigenen Drittel den Ball, nachdem sie Spieler nach vorne geschickt hatten – gemeinsamer Höchstwert in einer Partie dieser Saison.
- Beim 0:3 gegen Arsenal spielten sich die Gunners in den ersten 30 Minuten 18-mal durch Sunderlands Pressing und kreierten vier klare Chancen.
- Trai Hume, der Held des Chelsea-Spiels, wird häufiger ausgespielt als jeder andere Sunderland-Verteidiger (2,1-mal pro 90 Minuten) – eine direkte Folge der Entblößung durch das Pressing.
Das Gegenargument: Das Pressing ist der Grund für den Erfolg
Kritiker werden einwenden, dass Sunderlands hochintensiver Stil sie überhaupt erst nach Europa gebracht hat. Ihre 22 Ballgewinne in der gegnerischen Hälfte führten direkt zu Toren – ein Spitzenwert in der Liga. Ohne ihn wären sie Mittelmaß. Und das stimmt: Das Pressing ist ihre Identität, ihr Alleinstellungsmerkmal. Doch das Gegenargument verwechselt Korrelation mit Kausalität. Sunderlands Erfolg basiert auf Einzelmomenten – einem Dribbling von Patrick Roberts, einem Lauf von Jobe Bellingham – nicht auf einem wiederholbaren taktischen Gerüst. Das Pressing erzeugt Chaos, aber Chaos ist eine Währung, die schnell an Wert verliert.
Zudem zeigen die Daten: Wenn Sunderland aggressiv presst, kassiert es 1,8 Expected Goals pro Spiel, bei einer kompakteren Grundordnung nur 1,1. Das Risiko überwiegt den Nutzen gegen Top-Gegner, und das europäische Geschäft wird diese Schwäche gnadenlos aufdecken.
Fazit: Sunderland wird von organisierten europäischen Teams auseinandergenommen
Bis zum Ende der Gruppenphase wird Sunderland mehr Gegentore nach Kontern kassiert haben als jede andere Mannschaft in der Europa League. Teams wie Villarreal oder Rom werden ihr Pressing mühelos überspielen und die dahinter liegende Desorganisation ausnutzen. Wenn Le Bris keine konservativeren Pressing-Trigger einführt, wird Sunderlands Europa-League-Traum zum Albtraum in der Defensive. Erwarten Sie, dass sie am Ende ihrer Gruppe landen – mit vier oder mehr Niederlagen.
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